Die Selfmade-Aristokratie, Kampnagel

Die Selfmade-Aristokratie, Kampnagel


Überschreiten der Grenzen

Die Stars des Coupé Decalé beschäftigen sich mit Honore de Balzac! Das hat seinen Grund. Sie nehmen die kluge und bissige Analyse der französischen Gesellschaft von Balzac zum Anlass sich ihre eigene Gedanken zur Ausweiten der Klassengrenzen zu machen. Sie tauchen ein in den Workshop zur Selfmade Aristokratie. Vor der Folie Balzacs wollen sie umso klarer ihre eigenen Beobachtungen zwischen Paris und Abidjan, zwischen Frankreich und der Elfenbeinküste anstellen. Balzac erkennt die Klassen der schuftenden Arbeiter, der artigen Kleinbürger und der hochnäsigen Großbürger. Klar diagnostiziert das Ensemble La Fleur um Monika Gintersdorfer und Franck Edmond Yao nicht nur diese Schichten in Paris, sondern auch eine definierte Spaltung nach Hautfarbe. Die französische Elite ist rein weiß. In Abidjan gelten dagegen in bedingten Gesellschaftsschichten andere Gesetze. Hier regiert in der Ausgeh-Szene nicht die Herkunft und die Hautfarbe sondern das Auftreten, der Style und der Tanz. Hier können sich andere Talente die Macht erobern.
Doch Balzac erzählt in seiner Novelle "Das Mädchen mit den Goldaugen" auch von einer Liebesgeschichte, die sich nicht nur über Klassen- und sondern auch über Geschlechtergrenzen hinwegsetzt. Die Beziehungsanbahnung zwischen der Dienstsklavin und dem Großbürger Henri übertragen La Fleur per Tanz und bilungualer Erzählung auf die Bühne.
Doch Balzac gerät immer schnell in den Hintergrund, wenn die Performer mit ihren vereinnahmenden Persönlichkeiten in den Vordergrund treten. Das macht einerseits den Charme und die Energie des Abends aus, lässt aber die anvisierten Themen Balzacs schnell zur Nebensächlichkeit werden. Die Stars des Coupé Decalé sind eben die wahren Aristokraten, die über den Abend regieren.
Birgit Schmalmack vom 8.10.17




 

Die Selfmade-Aristokratie, Kampnagel Foto: Nurith Wagner Strauss

Heisenberg, Theaterfestival
Five easy pieces, Kampnagel

Druckbare Version