Trilliarden, DSH

Trilliarden, die Angst vor dem Verlorengehen



Allerletzte Gedanken

In Nacktkostümen stolpern sie unbeholfen über das beleuchtete Bühnendreieck, bevor sie wieder im Dunkeln verschwinden. Ihr Schöpfungsakt liegt wenige Augenblicke zurück. Sie werden auf die Bühne des Lebens geschickt, ob von Gott oder nicht eher von der Regisseurin ist noch nicht ganz klar. Mit jeder Runde versuchen sie Erkenntnisse über ihren Charakter, ihr Aussehen und ihre Talente zu erhaschen. Doch kurz sind die Momente der Erleuchtung, bis sie wieder in der Versenkung des Bühnenhintergrunds verschwinden.
Die eine (Angelika Richter) beschwert sich erst über ihre Busengröße, dann über ihr Tussi-Outfit mit Petticoat-Rock und High-Heels. Doch einige Runden später hat sie ihre Rolle gefunden; sie durfte Mutter zweier Kinder werden und ist nun vollauf damit beschäftigt ihren Kindern die unbefriedigende Weltordnung zu erklären. Ein anderer (Michael Weber) geht alle anstehende Probleme ganz pragmatisch an: In den meisten Fällen helfe eine große Packung Panzertapeband, ansonsten Einfettung mit Butter oder Einnahme von Senf. Der nächste (Michael Wittenborn) hat nicht nur einen langen grauen Zopf, weiße Naturleinen-Kleidung sondern auch noch eine Tasse aryuverdischen Tees verehrt bekommen. Nun soll er also einen esoterischen Gutmenschen geben, gar nicht sein Fall, beschwert er sich bei dem/r Schöpfer/in. Die nächste (Karoline Bär) ist entsetzt über ihre üppige Figur. Ein bisschen weniger hätte es ruhig sein dürfen. Ob sie denn wenigstens eine große Portion Selbstbewusstsein als Ausgleich bekäme? Nein, ist die offensichtliche Antwort, als sie gleich darauf zusammensackt und einen Kopf kleiner von der Bühne schleicht. Der nächste (Bjarne Mädel) blickt ungläubig auf seine Kleidung, die ihm ein Alter kurz vor der Rente zuschreibt. Sein bisher anscheinend gelebtes Leben hätte er gar nicht mitgekriegt, wundert er sich. Doch dann akzeptiert er klaglos sein Leben in der verordneten Mittelmäßigkeit und freut sich auf sein Feierabend- Spiegelei. Ein weiterer Mann (Bastian Reiber) strotz nur so vor Selbstbewusstsein. Er tänzelt in großer Zufriedenheit über die ihm zugeteilten Gaben leichtfüßig über die Bühne. Doch auch ihm bleibt im Laufe des Abends eine Erkenntnis nicht erspart: Die Vergänglichkeit aller irdischen Güter wird auch ihm schmerzlich bewusst.
Ulrike Lausund hat ein neues Bühnenstück entworfen. In kleinsten Sprech-Einzel-Szenen entstehen Bühnenfiguren, die sich stellvertretend für den Zuschauer über Leben, Tod, Religion und Gott Gedanken machen. Der Wiedererkennungswert ist zunächst hoch. Erst allmählich schleichen sich ernsthaftere Töne ein, bis sich zum Schluss Juliane Koren als eine Art weltliche Prophetin allerletzte Gedanken macht. Angenommen dass... so beginnen ihre Sätze, in denen sie der Wahrscheinlichkeit von religiösen Theorien und Glaubenssätzen nachspürt und alle ad absurdum führt. Sie kommt schließlich zur Konklusion, dass sie sich nun der Religion mit der Vorstellung von der schlimmsten Hölle unterwerfen wolle. Eine Religion der Angst sei ihr die sinnvollste und ertragreichste. Entpuppe sie sich dereinst als die wahre Religion, hätte sie die beste Vorsorge getroffen. Dieser Pessimistin kann der Gutmensch natürlich nicht das letzte Wort überlassen. Flugs fängt er an eine neue Religion zu schreiben: "Am Anfang war die Güte ..... und ein kühles Glas Bier."
Der Abend kommt leichtfüßig und amüsant daher und fordert doch. Lausund verführt zum Nachdenken, spielerisch und ohne Anspruch auf durchgängigen Tiefgang.
Birgit Schmalmack vom 29.3.17




 

Trilliarden Klaus Lefebvre, 2017

Iphigenie, New Hamburg
Ich kann nicht mehr, DSH

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