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La bianca notte, Staatsoper

La notte bianca, Staatsoper

La notte bianca, Staatsoper
Einstürzende Gewissheiten

Nichts ist fest, nichts bietet Halt, selbst der Untergrund, auf dem der Dichter Dino Campana (Tomas Tómasson) steht, ist ständig in Bewegung. Immer muss er aufpassen, wohin er tritt. Spitze Stangen stechen aus dem Hintergrund hervor, scheinen mit den Kugeln auf dem Boden Billard zu spielen. Wodurch die Kugeln ins Rollen gebracht werden, bleibt im Unklaren. Wie so vieles!
Dino irrt durch die Städte und Landschaften. Kurzfristig scheint er bei seinen Reisestationen einen Halt zu finden, doch schon bricht wieder eine der Bodenplatte auf und er muss sich um einen neuen Standort bemühen. Er ist ein Künstler, der stets auf der Suche bleibt.
In seinem Werk »Canti orfici« hatte Dino Campana Gedanken zu seiner künstlerischen Lebensreise festgehalten. Aus ihnen hat der Komponist und Librettist Beat Furrer die Oper „La bianca notte“ geschaffen. Er schickt Dino bis zu seinem Tod in einer Irrenanstalt durch 17 Szenen. Er trifft auf Prostituierte, eine Frau, die er für einige Zeit lieben kann, auf die Futuralisten, auf Obdachlose und auf Sterbende. Er wird zeitweise begleitet durch einen Freund (Derek Welton), aber die Einsamkeit bleibt. Er misstraut den Gewissheiten von Liebe und Freundschaft. Für ihn gibt es nur den immerwährenden Zweifel, der ihn auf seiner künstlerischen Sinnsuche antreibt.
Dafür findet der Komponist Furrer in diesem Auftragswerk der Hamburger Staatsoper eine kongeniale Vertonung, die Gewohntes aufgreift, mit Ungewöhnlichem verbindet und zu surrealen Klangwelten führt. Der Wechsel von dumpfem Raunen, geflüsterten Worten, flirrenden Sphärenklängen, klagenden Tönen und hellen Sopranphrasen macht die Suche sinnlich nachfühlbar. Die Stimmen tragen den Zuhörer auf der meditativen Reise fort, während das Orchester mit einem dunklen Klanguntergrund gespickt mit hellen Spitzen von der drohenden Verunsicherung kündet. Der Bühnenbildner Jeremy Herbert findet Bilder dafür, die das Ganze unter der Regie von Ramin Gray zu einem Gesamtkunstwerk werden lassen. Mit den aufkippenden Bodenplatten, den rotierenden Kantenmodellen, den sich bewegenden Gitterwänden, den auf und niedergleitenden Rückwänden und Ebenen wird auch visuell deutlich, wie Dinos überstürzende Fantasiegebilde zu seinem immer deutlicher werdenden Wahnsinn führen. Ein Werk, das anregungsreich die Grenzen des gewohnten Musiktheater weit aufmacht und deutlich macht, was Kunst kann: Gedanken- und Fantasiegebäude sinnlich erfahrbar machen und Erlebnis- und Denkräume öffnen.
Birgit Schmalmack vom 26.5.15



Zur Kritik von

ndr 
Abendblatt 
 


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