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Liliom

Liliom

Buntes Repertoire

Über Liliom (Carsten Jung) wird zu Gericht gesessen. Der Konzipist im Jenseits sitzt an dem langen weißen Tisch und vollzieht sein Richteramt. Kopf ruckend und Stempel zückend lässt er Liliom markante Stationen seines Lebens nach einmal durchlaufen. Die sechs Teufelchen assistieren ihm und schütteln oder nicken mal mit dem Kopf.
In solch abstrakten Situationen läuft John Neumeiers Inszenierung zu Höchstformen auf. Hier kommt seine Spezialität, die ruckartigen abgehakten Bewegungen der Hände und Füße, die Verdrehungen des Körpers und des Kopfes, bestens zur Geltung. Hier verweisen die Lichtregie, die Choreographie und die symbolträchtige Bühnenausstattung über ihren vordergründigen Anschein hinaus.
Liliom, der Schausteller, hatte ein von Frauen umschwärmtes Leben geführt. Mit seinem gestählten Körper war er der Star auf dem Rummelplatz. Auch seine Chefin Frau Muskat (Patricia Tichy) schätzt seine Dienste nicht nur in einer Hinsicht. Doch Lilom wählte die zarte unschuldige Julie (Helene Bouchet) zu seiner Frau und verabschiedete sich vom Jahrmarkt. Ein neues anderes Leben sollte beginnen. Ein Gemälde einer goldenen Landschaft, das sich vor die bunte Jahrmarktskulisse im Hintergrund schiebt, soll den Neuanfang symbolisieren. Doch Liliom will in diese Umgebung mit dem goldenen, idyllischen Ährenfeld in seinem bunten Muskel-T-Shirt und knackigen Jeans nicht recht hineinpassen. Eine innere Unruhe treibt ihn um. Er streitet sich immer öfter mit seiner Frau. Im Streit schlägt er sie. Einzig der Gedanke an ihr gemeinsames Kind vermag ihn dann zu beruhigen. Sein Sohn (Aleix Martinez) soll es einmal besser haben als er. Doch dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen.
Neumeiers Ballettlegende nach der Erzählung von Molnar berichtet aber nicht nur von Lilioms irdischem Dasein, seinem Selbstmord und dem Gottesgericht sondern von seiner Wiederkehr auf die Erde, die ihm nach sechzehn Jahren gestattet wird. Eine wunderbare Aufgabe für Neumeier. In diesen Stoff kann er alles unterbringen: Das pralle bunte Leben auf dem Jahrmarkt, hochfliegende Emotionen aus Liebe, Trauer, Schmerz, Verlust und Hoffnung und metaphysische Elemente, die symbolträchtig über das Irdische hinausweisen. Die bunte Welt des Jahrmarkts entsteht mit vielen farbenprächtigen Kostümen auf der Bühne. So ist das gut gefüllte Staatsopernhaus in jeder Hinsicht begeistert und befriedigt. In diesem Fall bot die Musik eine zusätzliche Quelle der Inspirationen, denn das Auftragswerk von Filmkomponist Michel Legrand verband klassische Klänge mit Jazz und Swingelementen. Dazu komplettierte die NDR-Bigband, die auf einer Bühneempore thronte, die Hamburger Philharmoniker im Orchestergraben. Neumeier konnte wieder einmal sein breites, reichhaltiges Repertoire an souveränem Einsatz von traditioneller Ballettelemente, einer nicht überfordernder Menge an Innovation und künstlerischem Ambiente gepaart mit gekonntem Erzeugen unterschiedlichster Emotionen voll ausschöpfen, um seine Zuschauergemeinde glücklich zu machen.
Birgit Schmalmack vom 10.1.13



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