Ganz oder gar nicht

Ganz oder gar nicht


Die wilden Stiere

Was als Frauen-Alternativprogramm zur Fußball-WM geplant war, erwickelte sich zum Dauerbrenner. Auch 2007 nahm das Schmidt Theater "Ganz oder gar nicht" wieder ins Programm, das aber nicht nur Frauen in das strahlend rote Theater auf der Reeperbahn zieht. Die eine Hälfte der "Missfits" Gerburg Jahnke inszenierte nach dem Film "Ganz oder gar nicht" die Suche der sechs arbeitslos gewordenen Männer aus dem Ruhrpott nach einer Verdienstsmöglichkeit, die mehr bietet als die Einkünfte von Hartz 4. So kommen sie auf die grandiose Idee: "Was die Chippendales können, schaffen wir mit links!"

Doch bei der Umsetzung der Idee tauchen einige Probleme auf: Leider bringt keiner der Kumpel die erwünschten körperlichen Idealmaße mit. Paco (Carlos Lopez), der markige Möchtegern-Macho mit der großen Klappe, sieht sich eigentlich eher als der Manager der Gruppe denn als Stripper. Das Muttersöhnchen Heiner (Hajo Sommers) schämt sich wegen seiner Hühnerbrust. Der mollige HP (Hans Peter Lengkeit) ist zwar vorne herum gut bestückt, kann aber außer seiner Luftgitarrennummer auf der Bühne wenig zu bieten. Günni (Volker Filipp), der ehemalige Buchhalter, denkt an seinen guten Ruf, der sich angesichts seines mageren Exemplars schnell verlieren könnte. Nur der schwule Guido (Nico Torres) hat kein Problem damit, die Hosen herunter zu lassen: Seine Entblößung lässt die anderen nur noch in sprachlosem Neid erblassen. Der schwarze Tänzer Omega, den eine Casting-Anzeige zur Truppe geführt hat, ist der einzige, der ohne Frage jeden optischen Anspruch erfüllen könnte. Sowohl sein Body-Index wie sein tänzerisches Können würde der Vorbild-Stripper-Gruppe zur Ehre gereichen.

Liebevoll nehmen die sechs sich gegenseitig auf die Schippe. In breitem Ruhrpottdialekt machen sie selbstironische Scherze über ihre jeweiligen Defizite. Wenn HP einen letzten Versuch abzuspecken kurz vor dem großen Tag des Auftritts unternimmt und sich dazu in Frischhaltefolie einwickelt, sind ihm die Brüller im Publikum gewiss. Zum Schluss der zweistündigen Aufführung legen die Sechs eine Show hin, die von harter Arbeit zeugt. Sie geben alles. Das Publikum kann die Anstrengung richtig würdigen, da sie den Entstehungsprozess verfolgen durften. Ein wenig Stolz auf diese Männer, die einem im Laufe des Abends ans Herz gewachsen sind, schwingt in dem Applaus der Zuschauer mit. Sie haben sich wirklich selbst übertroffen.

Birgit Schmalmack vom 23.7.07



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