Irre, Lichthof

Irre, Lichthof



Welchen Schaden hast du?

Wer entscheidet, ab wann das Irre aus einer Gesellschaft ausgeschlossen werden muss? Wer bestimmt die Normen? Sind nicht alle ein wenig irre? Werden die Irren nicht auch an ihrer Wegsperrung irre? Diese spannenden Fragen beschäftigen den jungen Arzt Raspe, als er seine erste Stelle in der Geschlossenen antritt. Er streift sich seinen Doktorkittel über und nimmt sich vor die Psychiatrie zu revolutionieren. Doch sein Vorgesetzter stellt ihm nur die Möglichkeit in Aussicht demnächst auch den Kittel aufgeknöpft zu tragen. Er selber hätte schließlich einst den Krawattenzwang abgeschafft. Raspe verzweifelt allmählich an dem Leid der Patienten. Er kann auch in seiner Freizeit nicht mehr abschalten. Er erkennt sich und die Gesellschaft in den Irren und wird irre an dem System der Psychiatrie.
Rainald Goetz schildert 1983 die Verzweiflung des Arztes an dem System der Irrenanstalt. Der junge Regisseur Henri Hüster setzte das Buch jetzt im Lichthof in Szene. Sein Ansatz wird schon im Bühnenbild deutlich. Die Zuschauer sitzen auf Hockern mit auf der Bühne. Sie sind Teil des System, das erst die Kranken produziert. Die Patienten erzählen ihre Geschichten mitten unter ihnen. "Welchen Schaden hast du?", laufen sie fragend durch die Hockerplätze. Es entsteht ein Kaleidoskop der vielen verschiedenen Fallgeschichten. Im ersten Teil taucht der Arzt Raspe nur über eine Aufzeichnung einer Tonspur auf, die immer wieder abgespult wird. Genauso spulen die vier Schauspieler immer wieder auf Anfang zurück und fangen immer noch einmal wieder von vorne an, um sich ein Bild vom Zustand der Gesellschaft und ihrem Irrsinn zu machen. Die Darsteller schlüpfen dabei nicht nur in die verschiedenen Rollen sondern auch in die Kantenmodelle aus Holz, in die sie sich hineinzwängen wie in ihre Gedankenkonstrukte.
Nach der Pause wird das Kaleidoskop zu einem Stuhlkreis. Die Zuschauer sind nun Teil der therapeutischen Gesprächsrunde, die von dem jungen Arzt Raspe angeleitet wird. Jetzt steht seine Geschichte im Mittelpunkt. Hüster hat sich für die klare Zweiteilung seiner Inszenierung entschieden. Ob es klug war, den zweiten Teil ans Ende zu setzen, bleibt fraglich. Er bildet erst die Klammer für die vielstimmigen Bilder im ersten Teil, denen eine Kürzung sehr gut getan hätte. So dauerte die Aufführung fast drei Stunden. Hüster hat ohne Zweifel ein Talent für Chorszenen, für die vielfältigen Arrangements von Gruppen, für die Auflösung der klassischen Bühnenaufteilung und für die Arbeit mit Schauspielerpersönlichkeiten. Alle vier Mitwirkenden (Vasna Aguilar, Aurel von Arx, Anna Eger und Lukas Gander) beeindrucken mit souveräner Bühnenpräsenz. Mit noch mehr Mut zur Konzentration und zur Beschränkung hätten Hüsters spannende und innovative Ideen noch besser zur Geltung kommen können.
Birgit Schmalmack vom 23-1-17




 

Irre (c) Angelina Vernetti

Zur Kritik von

Abendblatt 
 
 


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