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Unendlicher Spaß, Kampnagel

Unendlicher Spaß von Thorsten Lensing Foto: David Baltzer Agentur Zenit


Schauspielertheater auf höchstem Niveau

Unendlichem Spaß haben die Protagonisten des 1600 Seiten Romans von David Foster Wallace eher nicht. Dafür aber die Zuschauer bei Thorsten Lensings Inszenierung, die er an den Sophiemsälen herausbrachte und die nun auf Kampnagel zu sehen war. Vier Stunden dauert die Aufführung, bei der Schauspielertheater vom Feinsten zu sehen war.
Lensing beschränkt sich auf zwei Handlungsstränge der zahlreichen der Vorlage. Die apokalyptische Stimmung, die Wallace ebenfalls zeichnet, wird nur durch die Betonwand symbolisiert, die die breite Kampnagelbühne gegen die rückwärtige Hälfte abschirmt. Eine Mauer soll den Irrsinn und die Gefährdungen der Welt draußen halten, doch bald schon ist nicht mehr klar, wer hier gegen wen abgeschirmt werden muss. Denn auch vor der Mauer ist scheint der Begriff der Normalität seine Bedeutung verloren zu haben. Die Menschen, die hier agieren, sind einem Leistungsdruck ausgesetzt, der sie in die verschiedensten Formen der Abhängigkeiten treibt. Der Irrsinn ihres Leben ist nur noch mit massivem Einwerfen von Drogen jeder Art zu ertragen, deren Begleiterscheinungen sie endgültig zu den Aussortierten werden lässt.
Am Anfang steht Ursina Lardi als achtzehnjähriger Hal in einem hautengen Tennisdress auf hohen weißen Klotzschuhen vor der Betonwand. Hal gilt als das neue Supertalent am Tennishimmel. Doch als die Auswahljury der Elite-Uni ihn einige Fragen stellt, sind die Antworten von Hal nur in seinem Kopf (und für die Zuschauer) hörbar. Denn Hal schweigt. Sein Vater, der berühmte Filmregisseur, den seine Kinder nur Himself nennen, hat Selbstmord begangen, indem er seinen Kopf in die Mikrowelle steckte, und der dreizehnjährige Hal hatte ihn als erster gefunden. Hals älterer Bruder war da schon aus dem Haus. Er ist ein karrieregeiler Footballstar und süchtig nach Frauen, die er als Objekte benutzen kann. Hals jüngerer Bruder Mario, mit dem sich Hal ein Zimmer teilt, ist behindert zur Welt gekommen und scheint der einzig „Normale“ in dieser Familie zu sein.
Der zweite Erzählstrang findet in der Drogenentzugseinrichtung der AAs statt. Hier begegnen sich all die an zahlreichen Abhängigkeiten leidenden Menschen, die an dem Alltag des Lebens zugrunde gegangen sind. Die stereotypen Gruppenrunden mit den inszenierten Bekenntnissen und ritualisierten Verständnisbekundungen der Übrigen sind vom Autor realistisch und anrührend getroffen, dass sie zum Heulen komisch sind.
Lensing hängt wie im Roman eine Episode an die andere. Die Schauspieler wechseln die Rollen blitzschnell auf der Bühne. Alters-, Gattungs- und Geschlechtergrenzen werden spielend überschritten. Requisiten werden dazu kaum benötigt. Die erste Hälfte vor der Pause wirkt konzentrierter, fokussierter und inhaltsschwerer als die zweite. Doch das wird kaum ein Zufall sein. So wie die Personen immer mehr die Hoffnung auf ein positive Weiterentwicklung verlieren, so soll es auch dem Zuschauer ergehen. Der unendliche Spaß scheint zu einer unendlichen Überforderung und Hoffnungslosigkeit zu verkommen, die auch vom Publikum nachfühlbar werden soll. Es ist dennoch eine unglaubliche Genuss diesen brillanten Darstellern zuzusehen.
Birgit Schmalmack vom 28.3.18