Die Damen warten

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Die Damen warten

Unnützes Frauenmaterial

Frauen haben einen biologischen Nachteil: Wenn sie jenseits der aktiven Reproduktionsphase sind, können sie nur noch ihrem eigenen Verfall zugucken. Ältere Männer dagegen können auch in höherem Alter punkten, wenn sie es zu Geld, Macht und Ansehen gebracht haben. Die einstige Hoffnung der Feministinnen, dass frau nur statt auf die Abhängigkeit im Ehefrau- und Mutterdasein auf die Karriere setzen müsse, hat bisher nicht den erwünschten Nachteilsausgleich erbracht. Noch immer erreichen auch ehrgeizige Frauen nicht die Positionen wie Männer, bekommen aber Label wie Karrieristinnen, Rabenmütter, Unbefriedigt und Asexuell angehängt. Was wäre also die logische Konsequenz für Frauen jenseits der Menopause? Diesen Gedanken spinnt Sybille Berg in „Die Damen warten“ bis zu Ende. In den Hamburger Kammerspielen hat Regisseur Kai Wessel versucht ihr Stück als Komödie auf die Bühne zu bringen. Das gelingt nur bedingt.
In den Wellnesstempel sind die älteren Damen zum Frauentag eingeladen. Jedenfalls dürfen sie das zunächst glauben. Vier verschiedene Typen fallen hier dem Masseur Horst (Kai Hufnagel) in die Hände: die zynische Single-Wissenschaftlerin (doppelbödig: Nina Petri), der die öffentliche Anerkennung versagt blieb, die ausgediente Nur-Ehefrau und Mutter (piepsig: Marion Martienzen), die mittlerweile von ihrer Familie in die Ecke gestellt wird, die gut restaurierte Geliebte (sehr blond: Julia Jäger), die bereitwillig frustrierten Ehemänner für ein paar Stunden Entspannung zur Verfügung steht, und die pragmatische Alleinerziehende (sehr abgeklärt: Hildegard Schroedter), die sich Erotik- und Lustansprüche schon vor langer Zeit abgeschminkt hat.
Seinen Frust über die Neudefinition seiner Männerrolle und die zunehmende Konkurrenz durch die weibliche Hälfte der Menschheit macht der Masseur mit bissigen Seitenhieben auf die körperlichen Verfallserscheinungen seiner Damen Luft. Er klatscht ihnen lächerlich bunte Masken aufs Gesicht, wickelt sie bis zur Bewegungsunfähigkeit in Zellophanfolie ein und verunstaltet sie mit mädchenhaftem Make-up. Als er stürzt, wendet sich das Blatt schlagartig: Hilflos ist er der tödlichen Racheeruption der Frauen ausgeliefert. An ihrer gesellschaftlichen Opferrolle ändert das nichts: Der Wellnesstag entpuppt sich als Entsorgungsprogramm der Regierung für unnützlich gewordenes Frauenmaterial.
Was phasenweise als provokante Thesenanhäufung zu gesellschaftlichen Entwicklungen daherkommt, erweist sich als Mix der überzogenen Plattheiten. Kai Wessel sparte kein Regiemittel aus, um die Unentschlossenheit des Stückes zu kaschieren und macht sie damit nur noch offensichtlicher. Elemente der Komödie, des Horrorfilms, der Kolportage, der Comedy mischte er mit einem kleinen Schuss Gesellschaftssatire. Leider zu wenig um daraus einen Theaterabend zu machen, der auch anspruchvollere Theatergänger zufrieden stellen kann.
Birgit Schmalmack vom 18.2.14




 

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