Terror, Schauspielhaus

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Spannendes Rollenspiel

Die Zuschauer dürfen an diesem Theaterabend Schöffen spielen. Zum Schluss sollen sie entscheiden: Schuldig oder unschuldig? In welchen Schlitz sie in der Pause ihre Stimmkarte werfen, entscheidet am Ende über den Schuldspruch für Lars Koch (Andreas Grötzinger), Major der Luftwaffe.
Koch kann stolz auf seinen Werdegang sein: In Deutschland gibt es weniger Kampfjetpiloten als Herzspezialisten. Er ist einer davon. Er darf den Eurofighter fliegen. Als Soldat hat er geschworen das deutsche Volk zu schützen, notfalls mit dem Einsatz von Leben. Doch genau dafür muss er sich nun vor dem Gericht des Schauspielhauses verantworten: Er hat ein von einem Terroristen entführtes Lufthansaflugzeug mit seinen 164 Insassen abgeschossen, um ein Attentat auf das voll besetzte Münchner Olympiastadion zu verhindern. 164 gegen 70000 Leben hat er abgewogen und geopfert. Dafür wird er nun des Mordes angeklagt. Zu Recht?
Die Zuschauer des heutigen Abends werden ihn am Schluss mit 524 zu 332 Stimmen freisprechen. Sie sind also der Argumenten des Verteidigers (Michael Prelle) gefolgt, der die Moral über die Prinzipien stellte. Doch wie verlässlich ist eine Gewissensentscheidung eines Einzelnen? Ist diese individuelle Moralauffassung nicht anfällig und beeinflussbar? Könnte dagegen nicht eher das Festhalten an in Gesetze gegossene Prinzipien Halt geben, wie die Staatanwältin (Karoline Bär) behauptet? Sie erinnert an die Menschenwürde jedes Einzelnen, die eine Aufrechnung von Menschleben verbietet. Ein Mensch dürfte nicht zu einem Objekt degradiert werden. Für den Verteidiger liegt aber genau darin die Botschaft der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts: Indem es einen Abschluss nicht für verfassungsgemäß hielt, lieferte es die Bürger den Terroristen aus; sie werden durch die Gerichtsentscheidung zu einer Waffe erklärt.
Ferdinand von Schirach hat aus diesem fiktiven, zugespitzten Rechtsfall ein Theaterstück mit Zuschauerbeteiligung gemacht. Das schnurrt als juristische Denkschulung ab. Die Schauspieler sind Rollenfiguren in einem klar definierten Rahmen. Da hat der Regisseur wenig zu tun. Folgerichtig gab es in Hamburg nur eine "Einrichtung" durch Jörg Bochow und Rita Thiele. Ein argumentativ spannendes, professionell umgesetztes und intellektuell anregendes juristisch-philosophisches Rollenspiel ist es ohne Zweifel geworden, aber braucht es dafür unbedingt eine Staatstheaterbühne zur Realisierung?
Birgit Schmalmack vom 30.05.16



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