Geächtet, Schauspielhaus

Geächtet, Schauspielhaus



Zwischen allen Stühlen

Er hat es geschafft. Amir (Carlo Ljubek), ein Amerikaner pakistanischer Abstammung ist ganz oben angekommen. Mit einem sechsstelligen Jahresgehalt, einem Loftappartment mitten in Manhattan, einem Posten in einer der besten Anwaltskanzleien und einer schönen weißen Amerikanerin an seiner Seite hat er alles erreicht, was er sich erträumt hat. Er ist ein Amerikaner geworden, der ganz oben dazugehört. Er hat jede Verbindung zu seiner Herkunft gekappt, so scheint es. Er begreift sich als Agnostiker und hält den Islam für total rückständig. Seine Frau Emily (Ute Hannig), die Künstlerin ist, kann sich dagegen für die Schönheit des Islams begeistern, was er eher amüsiert als Zeichen ihrer Naivität zur Kenntnis nimmt. Heute Abend soll die Eröffnung ihrer neuen Ausstellung gefeiert werden. Dazu haben die beiden den jüdischen Galeristen Isaak (Samuel Weiss) und seine afroamerikanische Ehefrau Jury (Isabelle Redfern), die in derselben Kanzlei wie Amir arbeitet, eingeladen.
Ganz im Stil einer Yasmina Reza stürzt dieses Lebenskonstrukt während des perfekt organisierten Zwei-Pärchen-Abends in Amirs schicker Wohnung zusammen. Amir hatte sich seiner Frau zuliebe für einen inhaftierten Prediger, der in Verdacht geraten ist, Spenden für eine islamistische Organisation zu sammeln, engagiert. Als Amirs Kanzlei davon aus der Zeitung erfährt, ist es um seine Karriere geschehen. Jury wird statt seiner zur Partnerin gewählt, was er erst an diesem Abend von Jury erfährt. Amir fühlt sich betrogen.
Diese vier Personen sind der Inbegriff des New Yorker Meltingpots, in dem jeder es schaffen kann. Sie geben sich aufgeschlossen, aufgeklärt und kulturell emanzipiert. An diesem Abend wollten sie sich eigentlich in ihrer großen multikulturellen Toleranz feiern und müssen sich nun eingestehen, dass sich ihr schönes amerikanisches Upperclass-Wir in Luft aufgelöst hat. Amir schlägt seine Frau, weil er ihr instinktiv die Schuld an seiner Karriereabbruch gibt. Zum ersten Mal benutzt er die Vokabel "Wir", als er von den Muslimen spricht. Ihr stylisches Lebenskonstrukt hielt nur so lange, wie der Erfolg andauerte.
Das Stück des amerikanischen Autors Ayad Akhtar ist brillant geschrieben. Es seziert punktgenau die wohlfeinen Lebenslügen der einzelnen Protagonisten, ohne je in Klischees zu verfallen. Regisseur Klaus Schumacher hat es mit seinem versiert agierenden Ensemble auf den schlichten Bühne mit Sinn für die Zwischentöne inszeniert.

Birgit Schmalmack vom 8.3.16




 

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