Privattheatertage

Die Dunkelkammer, Ballhaus Naunynstraße


Bilder des Krieges



In dieser Dunkelkammer werden die Bilder nur im Kopf entwickelt. Auf der schwarzen Bühne sind bloß zwei Männer in Hemd und Hose an zwei hohen Feldbetten zu sehen. Allein ihre Berichte werden Filme in der Vorstellung des Zuschauers ablaufen lassen. Zuerst könnten sie noch alles sein: Sie berichten von Warten, Langeweile und endloser Dehnung der Zeit. Doch bald wird klar: Sie sind Soldaten, die auf verschiedenen Seiten der Westfront kämpfen. Sie sprechen jeweils in ihrer Sprache: Der eine griechisch, der andere deutsch.

Dennoch verbindet sie viel. Beide sind willenlos hineingezogen worden in diesen Krieg. Kaum zwanzigjährig, ohne das Leben bisher genossen zu haben, kaum erwachsen geworden, befinden sie sich nun in einem der Schützengräben und versuchen nur eines: Mit dem Leben davon zu kommen. Doch sie wissen, dass die Chancen darauf sehr gering sind. Zu viele Kameraden haben sie vor ihren Augen krepieren sehen. Nur ihre Träume von der Heimkehr, von dem Wiedersehen der Lieben halten sie in all dem Chaos, in all der Hoffnungslosigkeit, Aussichtslosigkeit und Sinnlosigkeit am Leben. Sie erzählen von den Granatfeuerwerken, von dem Säuberungskommando, das die Überlebenden nach einem Angriff einfach absticht, von den Gasangriffen, von den Sprengfallen, von dem Zerfetzen der Kameraden vor den eigenen Augen. Sie berichten von dem Hunger, der Kälte und dem Zwang zum Töten, der manchem erst unter Androhung des eigenen Todes angelernt werden muss. Diese Beiden sind eigentlich Kameraden, die nur die Nationalität trennt. Ihre Gefühle und Gedanken, Befürchtungen und Ängste gleichen sich.

Regisseur Kostis Kallivretakis hat aus Texten von Erich Maria Remarque und Stratis Myrivilis ein Zwiegespräch zwischen den beiden Soldaten inszeniert. Es ist ein anrührender bewegender Abend gegen den Krieg geworden. Zum Schluss ist Abzählen angesagt: „Eins, lange Pause, Zwei.“ Keiner ihrer Kameraden mehr da, um zum Appell anzutreten. Nur die beiden sind noch übrig. Überwinden sie die Trennung?
Birgit Schmalmack vom 3.7.16



Kabale und Liebe, Wolfgang Bochert Münster



Selfies einer unmöglichen Liebe

Diese Liebe sucht nach den Bildern von sich selbst. Die Webcam ist ihr ständige Begleiter. Alles Wesentliche muss auf ihr festgehalten werden, als wenn der Post auf Facebook oder Youtube gleich folgen würde. Denn diese Liebe muss auch für die Nachwelt dokumentiert werden. Soll sie doch Grenzen überwinden, die zwar im Facebook-Zeitalter so nicht mehr existieren, aber zu Zeiten Schillers sehr wohl.
Ferdinand und Luise gehören verschiedenen Ständen an. Sie ist eine Bürgerliche und er der Sohn des Präsidenten. Letztere dürfen nicht heiraten, wen sie lieben sondern wer ihrer Karriere dienlich ist. So will Ferdinands Vater mit aller Gewalt, Macht und Intrigen diese Verbindung verhindern. Sein Sekretär Wurm unterstützt ihn dabei nicht ganz uneigennützig, wollte er doch Luise eigentlich selbst zur Frau haben.
Weiße Wände, die durch Knicke im Laufe des Stückes langsam zum Einstürzen gebracht werden können, sind die Projektions- und Spielfläche, auf der dieses Drama stattfindet. Alice Zikeli glänzt als Luise. Sie zeigt auch in jugendlichen Jeans-Shorts und Totenkopf-Glitzer-T-Shirt ihre Weitsicht, ihre Verzweiflung, ihre Ehrbarkeit und ihren Heldenmut. Als ihr Ferdinand schon aus Eifersucht alle Vernunft vergessen hat, bewahrt sie unter Zittern Haltung.
Regisseurin Tanja Weidner hat eine zeitgemäße, schlanke Inszenierung des Schiller-Klassikers hingelegt, die die Figuren mit der Zeichnung ihrer Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellt. Das gelingt ihr besonders gut bei dem jungen Liebespaar, das seine Unterschiedlichkeit im Umgang mit den Widerständen der Umwelt offenbart.

Birgit Schmalmack vom 28.6.16

Zur Kritik von WA




 

Kabale und Liebe Wolfgang Borchert Theater Münster

Was ihr wollt, Münster


Dem Narren Zucker geben

Erst vom Narren werden die Figuren zum Leben erweckt. Er ist derjenige, der sie wie Aufziehpuppen mit Glitzerkonfetti in Bewegung setzt. Damit ist er der Spielemeister der einsetzenden Verwirrung der Identitäten. Der Narr wird somit zum einzigen erklärt, der noch den Überblick unter all den Verrückten behält. Durch ihn kann das Stück um die fast ertrunkenen Zwillinge Viola und Sebastian und ihre immer in die Falschen verliebten Gegenüber Olivia und Orsino beginnen.
Natürlich werden alle Paare zum Ende hin genau in der wunschgemäßen Paarung glücklich vereint werden, doch bis dahin sind viele Liebesschwüre, viele fehl geleitete Gefühlsergüsse und viele Späße des zum Teil ziemlich betrunkenen Personals zu begleiten.
Regisseur Meinhard Zanger erstellte am Wolfgang Borchert Theater Münster eine Bühnenfassung, die Shakespeares Sprache vereinfacht und glättet. So hat er passende Übergänge zum eingestreuten Liedgut und den verkürzten Spielszenen geschaffen. Da passt der Kanon: "Halts Maul, du Hund", dass das Dreiergespann aus Narr, Sir Toby und Ritter Andrew anstimmt, wunderbar hinein. Als das gesamte Publikum mitsingt, könnte wohl selbst ein Shakespeare über so viel Verführungsbereitschaft der Zuschauer schmunzeln.
Das provoziert viele Lacher, die natürlich bei der nach der Pause folgenden Bloßstellung Malvolios, der hoffnungslos in seine Herrin Olivia vernarrt ist, nur noch mehr Futter bekommen. Das spielfreudig aufgelegte Ensemble macht seine Sache gut. Dass die Poesie des Shakespearetextes darunter etwas zu leiden hat, nimmt diese Inszenierung zugunsten ihrer vergnügungsfreudigen Eingängigkeit in Kauf. Das Publikum dankte es ihm mit großer Erheiterung.

Birgit Schmalmack vom 27.6.16

Zur Kritik von WN




 

Ein Monica Bleibtreu Preis ging an: Was ihr wollt Wolfgang Borchert Theater Münster

Wintermärchen, Forum Theater Stuttgart



Wintermärchen, Forum Theater Stuttgart

Das Märchen vom eifersüchtigen König

Ein König hat alles, was er sich wünscht: eine schöne, schwangere Frau, einen viel versprechenden Thronfolger, die herrliche Insel Sizilien und treue Untergebene. Doch seine Eifersucht lässt ihn alles verlieren. Durch seine Fehleinschätzung zerstört er alles, was ihm lieb und teuer ist. Zu spät sieht er seinen Fehler ein. Doch das Schicksal bzw. Shakespeare ist gnädig und gibt dem fehl geleiteten König eine zweite Chance. In seinem "Wintermärchen" erschafft er dem König ein märchenhaftes Happyend.

Ganz gradlinig und schnörkellos wird die erste Hälfte des Dramas erzählt. Zwischen weißen Säulen und wehenden roten Stofffahnen postieren sich die Personen am Hofe. Fein sind die Figuren gezeichnet. Wohl setzen sie ihre Worte, eng eingepasst in Zeremoniell eines Königsstaates. Doch dann gerät alles aus den Fugen. Die Stangen stehen noch der Pause kreuz und quer. Auch das Treiben auf der Bühne wird immer verrückter. Nun ist man unter den Bauersleuten, Schäfern und Gaunern. Schabernack, Späße, Klamauk übernehmen die Bühne. Da blöken diejenigen, die gerade noch am Hofe stolzierten mit weißen Wollmützen als Schafe. Da verkleidet sich der Sekretär als Frau und vergnügt mit zwei Männern gleichzeitig. Shakespeare Wille zur Volksbelustigung nutzt Regisseur Dieter Nelle weidlich aus. Bis man wieder an den Hofe zum reumütigen König zurückkehrt und das glückliche Märchenende kommen darf. Die erste Hälfte überzeugte weit mehr als die zweite. Hier gab das Forumtheater Stuttgart dem Affen ein wenig zu viel Zucker.

Birgit Schmalmack vom 27.6.16




 

Wintermärchen aus Stuttgart

Trennung für Feiglinge, Braunschweig

Trennung für Feiglinge, Braunschweig

Bedingt witzig

Schon vier Monate lebt Paul (Florian Battermann) mit Sophie (Jasmin Wagner) zusammen. Zeit genug um festzustellen, dass er ihren Anblick nicht mehr ertragen kann. Doch Mut sei laut eigener Aussage bei Männern bekanntlich eine seltene Eigenschaft und so quartiert er kurzerhand seinen Freund Martin bei sich ein, um Sophie aus der Wohnung zu treiben. Doch genau das Gegenteil passiert: Erst zu dritt erkennt Sophie, wie sensibel Männer sein können und verliebt sich in Martin. Plötzlich ist Paul der Überzählige und die Eifersucht heizt die erloschene Liebe wieder an.

Die leichte französische Komödie, die ein Jurymitglied angekündigt hatte, blieb leider aus. Eher banale Gags um Hämorriden, Frauen- und Männerklischees und eine vorhersehbare Entwicklung der Handlung hielten das Vergnügen an diesem Stück unter der Regie von Jan Bodinus vom Komödie am Altstadtmarkt Braunschweig in Grenzen. Auch die hervorragende schauspielerische Leistung von Sebastian Teicher konnte wenig retten. Da hat man im Ohnsorg Theater schon wesentlich bessere Komödien gesehen.

Birgit Schmalmack vom 28.6.16




 

Trennung für Feiglinge Komödie am Altstadtmarkt Braunschweig

Supergute Tage, Bonn


Bilder der Welt

Christopher ist ein besonderer Junge. Er nimmt die Welt anders wahr als seine Umwelt. Menschenmengen irritieren ihn. Beziehungen sind für ihn schwieriger als das Auswendiglernen der Primzahlen bis 7507. Er braucht ganz klare Strukturen. Jede Veränderung führt zu Überforderungen. Körperkontakt ist ihm verhasst. Mathematik liebt er. Er ist der erste an seiner Sonderschule, der mit 15 Jahren eine Abschlussprüfung in Mathematik absolviert. Obwohl der Tag, an dem er sie schreibt, kein superguter Tag für ihn ist, schreibt er eine Eins.
Sein Leben stellt ihm nun zwei Rätselaufgaben, deren Ermittlung ihn trotz des strikten Verbotes seines Vaters nicht loslässt. Er muss sie knacken. Wie eine logisch heraufordernde Mathematikaufgabe geht er an die Fragen heran: Wer hat den Nachbarshund umgebracht? Warum hat der Vater Christophers Mutter für tot erklärt? Im Laufe des Abends wird Christopher die Antworten finden, doch dabei an den Rand seiner Möglichkeiten kommen. Er wird vom Vater weglaufen und seine tot geglaubte Mutter in London suchen.
Eine unüberwindliches Hindernis für Christopher, der ein Asberger-Autist ist. Die Zuschauer folgen ihm dabei gerne. Die einfallsreiche Inszenierung durch Lajos Wenzel am Jungen Theater Bonn nutzte sechs Overheadprojektoren, um eine Vielzahl von Bildern auf der Bühne und im Kopf entstehen zu lassen. Die schauspielerische Leistung von Ferdi Özten ist ohne Frage beeindruckend. Er spielt den Jungen mit allen Ticks, die ein Autist entwickeln kann. Doch man hätte sich eher weniger Ausstellung der Behinderung gewünscht. Ginge es in dem Stück doch gerade um die Frage, wer hier die vermeintliche Normalität repräsentiert. So macht die Inszenierung es dem Zuschauer ein wenig zu einfach.
Birgit Schmalmack vom 27.6.16




 

Supergute Tage Junges Theater Bonn

Auch Deutsche unter den Opfern

Aufgespießt

Fragen bleiben viele: Warum sind Beweise vernichtet worden? Warum konnten V-Leute mit ihrem Gehalt Heimatschutzbünde aufbauen? Warum ist man den Aussagen, die in die Nazi-Szene wiesen, nicht nachgegangen? Warum wurde nur in Richtung Türken-Mafia ermittelt? Warum spricht man immer noch von Einzeltätern?
Denn die Liste der Gegenbeweise ist lang. Mindestens zweihundert Straftaten von Neonazis innerhalb von 12 Jahren reiht Philipp Lind aneinander. Auch die Fäden, die Katrin Kaspar und Paul Schaeffer derweil über die Bühne bis in den Zuschauerraum spannen, deuten auf ein rechtsextremes Netzwerk hin. Aber der O-Ton von Frau Merkel spricht immer noch von Einzeltäter. Die Ironie ist unüberhörbar.
Das Stück "Auch Deutsche unter den Opfern" von Tuğsal Moğul bezieht klare Position. Die Fragen, die es stellt, beinhalten schon die Antworten. Dieses Stück konfrontiert den Zuschauer mit klar formulierten Thesen ohne den Versuch einer Ausgewogenheit: Der Verfassungsschutz hat die Taten des NSU ermöglicht oder sogar unterstützt. Ermittlungsbehörden sind von Rechtsextremismus durchwandert. Der deutsche Rechtsstaat hat versagt. Der NSU-Prozess ist eine Farce, die bewusst zur Verschleierung der Existenz eines rechtsextremen Netzwerkes benutzt wird. Fakten, die zur Untermauerung dienen, werden aneinandergereiht.
Die Regisseurin Sapir Heller vom Zimmertheater Tübingen peppt die Doku-Form des Textes mit viel Erotik und Pop auf. Sie mischt Spielszenen mit Tanzeinlagen und Akrobatiknummern. Die drei Schauspieler, eine Frau und zwei Männer, erinnern an das NSU-Dreiergespann Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Ihr Radfahrerfahreroutfit weist daraufhin, dass die beiden Männer stets mit dem Rad zu ihren Tatorten gefahren sind. Die Fakten werden in der Mitte auf einen Dönerspieß aufgespießt. Hitlers Mein Kampf landet dort ebenso wie die leeren Aktenordner oder die Fahrradhelme der Täter.
Dieses Stück ist ein wütender Aufschrei, der in dieser Eindeutigkeit selten in der heutigen Theaterlandschaft zu sehen ist.
Birgit Schmalmack vom 26.6.16

Zur Kritik von Nachtkritik




 

Auch Deutsche unter den Opfern Zimmertheater Tübingen

Hans im Glück, Melchingen



Was bedeutet Glück?

Hans geht es gut. Er hat ein Haus, eine Frau und ein paar Kühe. Doch was ihn zufrieden macht, reicht seiner Frau bald nicht mehr. Als ihr ein Besucher schöne Augen macht, packt sie ihre Koffer und geht mit ihm fort. Bald macht sich auch Hans auf den Weg. Als Handlungsreisende vorbeikommen, tauscht er sein Haus gegen ihre zwei Wagen. Bald geht der Tauschreigen weiter: Freund gegen den ersten Wagen, den zweiten Wagen gegen ein Karussell, seine Frau gegen das Karussell, seine Liebe gegen eine Gans, die Gans gegen das nackte Leben.
Hans glaubt an das Gute im Leben und im Menschen. Doch das wird von seiner Umwelt gnadenlos ausgenutzt. Berthold Brecht hat das Märchen "Hans im Glück" im Alter von 21 Jahren in ein Theaterstück umgeschrieben. Es blieb lange Zeit ungespielt, weil er selbst es für ein "faules Ei" hielt. Tatsächlich wirkt es konstruiert in seiner Handlung und holzschnittartig in seiner Personenbeschreibung. Das Theater Lindenhof aus Melchingen hat ihm unter dem Regisseurs Christof Küster dennoch versucht Leben und Glaubwürdigkeit einzuhauchen. Eine eindringlich-schlichte Inszenierung ist dem Ensemble gelungen. Eine schräge Ebene aus Puzzlebauklötzen verändert sich im Laufe des Abends zu immer neuen Formen. Zum Schluss in die eines Eisenbahngleises, auf das sich Hans legt, bevor er in die andere Welt zu den Sternen hinübergeht.
Die Aufführung lebt von dem großartigen Hauptdarsteller (Cornelius Nieden), der glaubwürdig den gutgläubigen Gutmenschen Hans gibt. Ihm nimmt man in jeder Sekunde den Naivling ab, der sich auf keinen Fall seinen festen Glauben an das Glück nehmen lassen will, auch wenn all seine bisherigen Erfahrungen dagegen sprechen. Die Umwelt, die ihn wie Aasgeier umkreist, häuft dagegen mit ihren vermeintlichen materiellen Gewinnen nur immer größere Unzufriedenheit an. Der Eröffnungsabend endete mit lang anhaltendem Applaus für die sauber gearbeitete, anrührende Inszenierung.
Birgit Schmalmack vom 21.6.16




 

Hans im Glück eröffnet die Privattheatertage

Zur Kritik von

Abendblatt 
swp.de 
 


Känguru Chroniken, Altonaer Th.
Am kürzeren Ende der Sonnenallee

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