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Das Wagnis des Lebens erkunden

Am Eingang sitzt ein Narr auf seiner bunten Märchenbude und erzählt, wie alles losging: Da die Menschen aus dem Paradies geworfen wurden, hätten sie sich auf die Reise begeben müssen. Als Beispiel erzählt er die Geschichte von Ikarus. Er hatte große Pläne: Er wollte fliegen, doch er wagte sich zu dicht an die Sonne heran. Seine wächsernen Flügel schmolzen und er stürzte ab.

4200 Teelichte sind auf dem Tempelhofer Feld aufgestellt, sie weisen den Reisenden, die sich hier eingefunden haben, den Weg durch das Labyrinth des Lebens. Sie werden sich an sieben Stationen niederlassen. Hier werden sie Menschen begegnen, die gestrandet sind. Sie werden jeder einer anderen Illusion hinterher träumen und sich letztendlich nicht vom Fleck bewegen.

Der Königssohn fürchtet sich vor der Verantwortung. Er ist an einen schweren Koffer gekettet. In ihm befindet sich die Krone. Als er sie sich endlich doch aufsetzt, bemerkt er, dass die schwere Bürde des Koffers los ist, doch muss feststellen, dass er nun er an die Krone gebunden ist. Da vergräbt er lieber die Krone im Koffer. Er fürchtet die Verantwortung mehr als die Unfreiheit.

Die Frau, die in den Spiegel blickt, hofft auf die Errettung durch einen Mann, der sie liebt. Durch die Liebe werde sie endlich Erlösung finden. Sie fordert einen Zuschauer auf, sich zu ihr zu gesellen. Über einen Spiegel traut sie sich mit ihm zu kommunizieren. Doch er ist bleibt nur gespiegelt durch ihre Vorstellung, ein echter Austausch findet nicht statt. Sie bleibt allein und in ihrer Opferrolle gefangen.

Der nächste Mann braucht dringend kundige Wegweiser. Kennen Sie den Weg? fragt er jeden, der bei ihm vorbei kommt. Er würde so gerne in das Land reisen, in dem die Menschen das Fliegen gelernt haben. Doch er kennt den Weg nicht, so bleibt er ein Träumer, der nicht weiter kommt .

Die nächste Frau ist Esa. Sie übt mit akrobatischen Verrenkungen auf ihrer Klappleiter das Fliegen. Doch der Absturz ist vorprogrammiert. Mit ihren Daunenfedern und der Holzstreben wird sie nie aufsteigen, so sehr sie sich auch abmüht.

Bei der nächsten ist der Wind ausgeblieben. So steckt sie alleine auf ihrem Schiff fest, nur eine Puppe ist ihr als Gefährtin geblieben. So hat fühlt sie sich zum Nichtstun verurteilt und hat immer neue Ausreden parat.

Die letzte Station wirkt auf den ersten Blick romantisch. Eine Frau sitzt an einem See und bewegt ihre Arme in anmutigen zarten Kreisen. Während sie hocken bleibt, schickt sie kleine Eier auf Reisen über den kleinen See. Sie mit Botschaften verziert. „Mache etwas aus dem, was dir gegeben ist„.

So ist der Auftrag für die Besucher*innen, die das Anu Theater auf die große Reise geschickt hat, klar: Sie sollen das versuchen, zu dem die Stationendarsteller*innen nicht fähig waren. Sie sollen ihre Talente entfalten, ihre Träume verwirklichen, Wagnisse eingehen, das Scheitern als Chance zur Weiterentwicklung begreifen und sich aufmachen. Ein sehr besinnlicher, melancholischer und poetischer Abend ist die diesjährige Arbeit des Anu Theaters geworden, einer, der gut zu diesen Corona Zeiten passt. Nicht nur weil sich die Abstandsregeln auf dem Stationen-Parcour wunderbar einhalten lassen, sondern weil die Zeit des erzwungenen Stillstand den Raum zum Nachdenken eröffnete und viele Menschen für Fragen des wirklich Wichtigen im Leben sensibilisierte.

Birgit Schmalmack vom 17.8.20