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Befreiung von der Vergangenheit

Wenn du entführst wirst, musst du laut schreien!, hatte man ihr immer gesagt. Doch als die Frau von drei Männern mit vorgehaltener Pistole ins Auto gezerrt wurde, blieb sie still. Sie wurde in einen Keller geschleppt, in dem sie über Tage hinweg gefoltert und vergewaltigt wurde.
Als acht Jahre später ein Gast in das Haus kommt, das sie inzwischen mit ihrem Ehemann gemeinsam bewohnt, erkennt sie die Stimme sofort. Es ist die Stimme des Doktors, der die Oberaufsicht über ihre Folterung führte. Wenn er sich ihr widmete, legte er stets Schubert Quartett „Der Tod und das Mädchen“ ein. Gerade seine Rolle als vermeintlich kultivierter und eloquenter Good Guy erschütterte ihren Glauben an das durch Bildung zu festigende Gute im Menschen nachhaltig. Jetzt sieht sie endlich ihre Chance auf Genugtuung gekommen. Sie will ihm mit ihrem Mann, der Anwalt ist, den Prozess machen. Mit vorgehaltener Pistole will sie von ihm ein Geständnis erzwingen.
Ihr Ehemann ist er in einer Zwickmühle. Einerseits fühlt er sich als Anwalt, der jetzt sogar vom Präsidenten in eine Aufklärungskommission der faschistischen Verbrechen in der jüngsten Vergangenheit berufen wurde, dem Rechtstaat verpflichtet. Andererseits erkennt er die Not seiner Frau und will ihr bei der Verarbeitung ihrer Traumata helfen. Doch der Doktor beteuert seine Unschuld.
Was verlieren wir, wenn wir ihn töten?, fragt sich die Frau, als ihr das vermeintliche Geständnis am Schluss vorliegt. Wird sie ihre innere Freiheit wieder finden, wenn sie einen Mord aus Rache begeht? Oder liegt ihre Chance auf einen Neubeginn eher im Erzählen, Gestehen und Vergeben?
Die Theaterfabrik Ankara war mit ihrer Adaption des Stücks "Der Tod und das Mädchen" von Ariel Dorfman, das sich auf die Aufarbeitung der Diktatur in Argentinien bezieht, zu Gast in Hamburg. Im Haus Eimsbüttel zeigten sie das Stück in türkischer Sprache mit deutscher Simultanübersetzung. Es wurde ein überaus interessanter Abend, der das kluge Stück von Dorfmann mit psychologisch genauem Blick inszenierte und Übertragungen auf heutige Situationen zuließ.
Birgit Schmalmack vom 6.3.20