Borda, Berliner Festspiele

Borda, Berliner Festspiele
Foto: Sammi Landweer
Grenzen überwinden
Eine Landschaft im Nebel im schummerigen Halbdunkel der Bühne. Erst einmal scheint sich nichts zu tun. Die weißen Hügel bleiben minutenlang bewegungslos. Bis endlich einer von ihnen größer zu werden scheint. Doch das geschieht so langsam, dass es sich auch um eine Täuschung handeln könnte. Doch nein, die einzelnen Hügel verändern sich in extremer Slow Motion. Plötzlich schälen sich Gesichter aus den Stoffhaufen, dann später Hände. Doch bis sie sich die Menschen darunter von ihren Verkleidungen, von ihren Bündeln, von ihren Umhüllungen befreit haben, haben sie noch viel zu überstehen.
Aus den Stoff- und Plastikfolien bilden sich stürmische Wellen. Ein gefährliches Meer scheinen sie überqueren zu müssen. Sie ziehen zusammen die Folien im Kreis herum, immer darauf bedacht, keinen ihrer Schicksalsgemeinschaft und nichts ihres Gepäcks zu verlieren. Sie werden noch alles brauchen. Dann ist die Überfahrt, vielleicht die Flucht, überstanden. Sie sind am anderen Ufer angekommen. Die Bündel werden aufgeschnürt und hervor kommen lauter bunte Kleidungsstücke, oft mit Glitzer versehen, aus denen sie alle sehr individuelleKombinationen zusammenstellen. Zwischendurch werden sie diese Outfits immer wieder mit neuen Fundstücken anreichern. Wie eine Gruppe voller feierlustiger junger Leute wirken sie nun.
Sie haben eine Grenze überwunden und richten sich hier nun ein. Während sich die Mikrotransformationen zuvor in völliger Stille vollzogen haben, ertönt nun zum Tanzen einladende, rhythmische Musik, zu der die Füße fliegen, die Hüften schwingen und die Bäuche kreisen. Voller Schabernack, Übermut und Lebensfreude stürzen sich die Menschen in eine neue Phase des Lebens.
Borda heißt auf portugiesisch Grenze, aber auch Schmückung und Verzierung. Die Tänzer:innen auf der Bühne überwinden etliche Grenzen. Zuerst ganz reale, die Länder und Kontinente voneinander trennen. Dann aber auch zwischen Verschlossenheit und Öffnung, zwischen Langsamkeit und Tempo, zwischen Verstecken und Leichtigkeit, zwischen Stille und Tanzmusik, zwischen Zurückgezogenheit und übersprudelnder Energie. Diese Grenzen muss auch das Publikum überschreiten, das sich aber leicht mitreißen lässt von der beeindruckender und überraschender Transformation, die Choreografin Lia Rodrigues mit ihrer Companhia de Dançashier präsentiert. Was alles möglich ist, wenn die realen und die Grenzen im Kopf überwunden werden, zeigt sie hier.
Birgit Schmalmack vom 29.8.25
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