Törless
Törless
Kein Entkommen
Ein Internat ist der ideale Raum für die ehrgeizigen Schüler Beineberg (Sven Fricke) und Reiting (Martin Wolf ) um die Strukturen der Machtgewinnung zu studieren. Ihren Mitschüler Basini (Renato Schuch) haben sie sich dafür als Versuchskaninchen auserkoren. Beineberg macht gerne mit, zumal er dann sicher sein kann, dass er selbst so nicht von Reiting als Opfer auserkoren wird. Nur Törless (Konradin Kunze) will nichts mit der Angelegenheit zu tun haben. Er will eigentlich nur seine Ruhe haben und seinen Gedanken ungestört nachhängen können. Doch die zwei zwingen ihn zur Positionsbeziehung. Entweder bist du für uns oder gegen uns! Neutralität ist in ihrem Hierachiesystem nicht vorgesehen. Auch von Basini fordert Törless Reaktion ein. Hilf mir, ist seine Bitte. Die Situation eskaliert, als Beineberg und Reiting ihre Gewaltspirale immer weiter drehen, um den einmal gefundenen Adrenalinkick nicht abebben zu lassen. Törless steht vor der Wahl, sich in ihre Spiele einbinden zu lassen oder zu seiner eigenen Position zu stehen. Basini hatte ihm gesagt: Du würdest in meiner Lage genauso handeln. Törless bekommt schneller als erwartet Gelegenheit diese Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Regisseur Kristo Sagor verlegt das Geschehen des Romans von Robert Musil in den Waschraum eines Internates. Das ist logisch. Hier in dem einzigen Ort, wo ein Schüler seinen ganz privaten Verrichtungen nachgehen könnte, werden genau diese Grenzen der Intimität überschritten. In den weiß gekachelten Räumen sind die Spuren der Gewaltanwendungen leicht abwischbar und treten die seelischen Spätfolgen umso deutlicher hervor. Sagor spannt den Spannungsbogen bis auf Äußerste. Die Zuschauer verfolgen die Ereignisse in ihre Sitze gedrückt. Er spart nicht mit Andeutungen an heutige Folterpraxen, die die Jugendliche in ihre grausamen Spiele mit aufnehmen, wie aus den heutigen Medien entnommen. Auch die Verknüpfung zum Gedankengut des Dritten Reiches fließt mit ein. So aktualisiert er den Text aus der Zeit um die Jahrhundertwende geschickt und rückt geschichtliche und heutige Entwicklungen hautnah an die Zuschauer heran.
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