The Circle, Altonaer Theater

The circle, Altonaer Theater
Foto: G2 Baraniak
Dystopie der verordneten guten Laune
Als Mae Holland (Miriam Schiweck) an ihrem neuen Arbeitsplatz ankommt, fühlt sie sich wie im Paradies. In der Kantine kochen Sterneköche, in der Pause finden Sportkurse statt, am Abend spielen Stars auf der Campuseigenen Bühne. Natürlich alles umsonst und völlig zwanglos. Jedenfalls scheint es zunächst so. Doch nach ihrem ersten Wochenende wird sie von ihren überfreundlichen Betreuern gefragt, warum sie ab Freitagabend nicht mehr zu sehen gewesen sei. Fühle sie sich hier nicht wohl, wolle sie sich ausschließen? Mae ist irritiert, doch schon bald begreift sie „Sharing is caring“. Ab da teilt sie eifrig ihre Aktivitäten auf ihren Accounts und berauscht sich an ihren immer zahlreicher werdenden Follower. So ist sie auch bereit, die Innovation des Konzerns „SeeChange“ zu bewerben, indem sie sich die kleine Kamera um den Hals hängt und ab da ihr ganzes Leben streamt. Privatsphäre ist nur etwas für diejenigen, die etwas zu verbergen haben. Ganz im Gegenteil, wenn jeder transparent leben würde, wäre das Verbrechen ein Phänomenvon gestern. So lässt sie sich von dem charismatischen
Eamon Bailey(Oliver Geilhardt), einem der drei „Weisen“ des Konzerns, gerne überzeugen. Sie wird zur Werbefigur des Circles und verliert immer mehr den Kontakt zu ihrer Umgebung außerhalb ihres Jobs. Ihre Eltern wollen kein Teil der Überwachung durch ihre Kamera werden, daher bricht sie den Kontakt zu ihnen ab. Ihr ehemaliger Freund Mercer sieht in ihrer Beschäftigung eine Bedrohung der Freiheit jedes Einzelnen, doch sie ist für seine Bedenken unerreichbar. Er besteht schließlich darauf, „von der Landkarte zu verschwinden“. Und dann ist da noch der geheimnisvolle Kalden, der immer mal wieder auf dem Campus auftaucht, ihren Kontakt sucht und zu dem sie sich hingezogen fühlt.
Später stellt er sich als der schwer fassbare „Weise Mann“ Ty Gospodinov heraus, der ursprüngliche Erfinder und Programmiererdes Circles.Er weiß mittlerweile, wohin dessen Erfindungen in letzter Konsequenz führen würden: zur Totalüberwachung eines gläsernen Menschen und seiner kompletten Manipulierbarkeit. Er versucht Mae von seiner Skepsis zu überzeugen, doch sie entschließt sich, weiter in ihrem Paradies zu verweilen. Soll doch der Kreis, das Symbol des Circles, das aber am oberen Ende noch eine kleine Öffnung aufweist, geschlossen werden.
Regisseur Georg Münzel hat den Roman aus dem Jahr 2013 auf die Bühne des Altonaer Theaters gebracht. Er schafft es, mit Hilfe der schmissigen Musik des Hamburger Hip-Hoppers Levin Liam und einer animierenden Choreographie das Publikum mit in das betont positive Happy-Feeling, das im Circle Team zu herrschen hat, hineinzuziehen. Man versteht sofort, warum Mae sich hier, wo der DJ stets an der Bühnenrampe für den perfekten Soundtrack sorgt, besser fühlt als bei ihrem vorherigen Arbeitgeber der Gaswerke in einer Kleinstadt. Dies aufgeben, nur wegen ein paar kleiner Zweifel? Das kommt für sie bald nicht mehr in Frage. Sie lässt sich einfangen von dem Komfort, der sich ihr hier bietet. Genau so wie die User des Circles. Denn diese erwartet ein bedienerfreundliches Rundumsorglospaket aus Social Media, Krankenversicherung, Finanzdienstleister und schließlich sogar mit einer politischer Wahl- und Mitbestimmungsplattform. Dass sie dabei nur noch ein Passwort für alles brauchen, erscheint ihnen zunächst als sehr praktisch, zwingt sie aber gleichzeitig in die Abhängigkeit zu einem einzigen Anbieter, der schließlich alle Daten über sie besitzt. Doch wie sagt es der älteste der drei Weisen (Ole Schloßhauer) so geschickt: „Wer nichts zu verbergen hat, der braucht auch keine Angst vor Überwachung zu haben“.
Ein mögliches Machtmonopol eines IT-Konzerns erscheint heutzutage nicht mehr ganz so unwahrscheinlich wie noch 2013. Dave Eggersbuchstabiert genau durch, warum Menschen sich hier anders als noch bei Georges Orwell „1984“ ganz freiwillig in die Fänge des Circles begeben. Münzel gelingt es, die konsequente Zuspitzung der Entwicklung frisch, stringent und mitreißend in Szene zu setzen,auch deswegen, weil er ein hervorragendes Ensemble zur Verfügung hat, das in seinen jeweiligen Rollen durchweg überzeugt. Doch genau so wichtig ist das sinnige, nur scheinbar einfache Bühnenbild von Jörg Kiefel. Es besteht aus drei rollbaren Kreisbogenelementen, die zu immer wieder neuen Anordnungen verschoben und als Liege, Tresen, Schreibtisch, Bank oder Plattform genutzt werden können. So waren die Reihen auch zur Derniere immer noch sehr gut gefüllt und der aktuelle Stoff könnte beim anschließenden Nachgesprächzu der ein oder anderen, wenn auch nicht mehr ganz neuen Überlegung bezüglich der Gefahren der sich ausbreitenden Einflussnahme von IT-Konzernen angeregt haben.
Birgit Schmalmack vom 30.3.25
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