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Legende, Thalia

Legende, Thalia

© Frol Podlesnyi

Nach uns bleibt nur die Schönheit, die wir uns erl


Der im Westen nahezu unbekannte Filmregisseurs Sergey Paradjanov hat sich Zeit seines Lebens nicht an Regeln gehalten. Das machte ihn zu einem, den der Sowjetstaat unterdrücken wollte. Doch dieser Künstler, der dreimal in seinem Leben verhaftet wurde, rächte sich an seinem selbst ernannten Gegner mit Liebe und Schönheit. Was inspiriert nun den Theaterregisseur Serebrennikov an diesem Ausnahmefilmschaffenden? Wie bleibt man ein Revolutionär nach einer gescheiterten Revolution? Wie bleibt man dem Gedanken der Schönheit treu, wenn die Umstände alles andere als schön sind? „Die Schönheit eines Paradox, die Schönheit als geradezu ätzende Freiheit und Mut, Kunst zu machen,“ so erklärt es Serebrennikov in einem Interview zum Stück „Legende“ am Thalia Theater, das zunächst auf der Ruhrtriennale Premiere hatte.

Sergey Paradjanov würde in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiern. 1924 in Tbilisi geboren, wuchs er in der Sowjetunion auf und rebellierte als Arthouse-Filmregisseur mit seinem Leben und seiner Kunst gegen den Mainstream. Dafür bezahlte er mit Lagerhaft, Gefängnis und Berufsverbot. Serebrennikov nimmt sich in seiner vierstündigen Inszenierung zehn Legendengeschichten vor. Darunter sind eine Neudeutung von King Lear ebenso wie eine Bebilderung des Songs Halleluja von Leonhard Cohen. Während letzterer unter einem Wunschbaum für seine Musik mit seiner Haut, mit seinen Organen und mit seinem Leben bezahlen muss, bekommt der diktatorische Herrscher nicht nur von seinen Töchtern, sondern auch von seinen Untergebenen die Quittung für sein macht- und selbstsüchtiges Handeln. Eins der weiteren Kapitel widmet sich der Vernichtung von Friedhöfen und ihrer Umwandlung zu Freizeitparks. Der Ausrottung der Vergangenheit und Erinnerung setzt der Erzähler seinen Protest entgegen. Und ein Legendenkapitel untersucht ein Kunstwerk von Diego Velázquez Die Infantin Margarita. Sie wird auf der Bühne zum Leben erweckt und mit Hilfe der zum Teil neidischen Künstlerkollegen aus dem Museum analysiert.

Für jedes der zehn Kapitel wird die Bühne mit ihren Treppenaufgängen, Rampen und Hochemporen neugestaltet. Darauf agieren Figuren mal in kafkaesken schwarzen Anzügen und Hüten, mal in wunderschön bestickten osteuropäischen Gewändern, mal in Glitzerroben oder in Alltagskleidung. Randgeschehnisse, Dekorationen, Songs, Kostümierungen, die jedes Mal eine neue kleine Welt erschaffen, sorgen für ständige Abwechslung. Anleihen an osteuropäische Tradition, persischen Miniaturen, Mosaiken aus Pompei, Stummfilmen, Mustern von Teppichen, klassischer Musik von Verdi und Puccini, georgischer Bergwelt-Volkslieder. Alles flirrt in unglaublicher Geschwindigkeit über die Bühne.

Das vereinnahmend tolle Ensemble aus russisch-ukrainischen und deutschen Schauspieler:innen springt von einer Rolle in die nächste und zieht mit ihrem charakterstarken Spiel zusammen mit der live gespielten Musik von Daniil Orlov immer wieder neu in ihren Bann. Es verlangt Konzentration, über vier Stunden diesem Überwältigungstheater zu folgen, zumal die Entschlüsselung der Bildersprache nur denen gelingen wird, die sich in der Filmwelt von Paradjanov auskennen und das dürften in Deutschland wenige sein. Doch spätestens wenn am Schluss auf der Rückwand die Worte „Free All Political Prisoners“ zu lesen sind, sind im Publikum alle Ermüdungserscheinungen und Rätsel beseitigt und alle zollen in Standing Ovationen dem Kunstwerk, das sie gerade haben sehen dürfen, ihre Achtung, Anerkennung und ihren Beifall.

Birgit Schmalmack vom 24.3.25

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