Gletschermumie, Liebe, Kampnagel

Gletschermumie, Kampnagel
Lea Maren Balzer
Liebe unter Gletschern
Eine verhinderte Liebesgeschichte in den Ötztaler Alpen, die vor 5300 Jahren ein jähes Ende fand? Könnte das die Geschichte hinter dem Mord an dem namenlosen Mann sein, der erst ermordet, dann von einem Gletscher überfahren, konserviert, aufgetaut und von einem deutschen Ehepaar beim Wandern entdeckt worden ist? Was will er uns heute noch erzählen? Das ist jenseits der wissenschaftlichen Untersuchungen und Experimente, die seitdem an seinem Körper von Forscher:innen weltweit unternommen worden sind, eine bisher ungeklärte Frage. Klar, man kann herausfinden, welche Bakterien in seinem Magen vorhanden waren, was er eventuell gegessen hatte, wie der Zustand seiner Zähne war, was sein Knochenbau verrät, doch was er fühlte, wie er lebte, da wird es schwieriger. Dann hilft nur noch die Fantasie. Mit dieser versucht Lea Marlen Balzer in ihrer Abschlussinszenierung die Lücken zu füllen.
Witzig gelingt ihr das bei der Entdeckung der Leiche durch das deutsche Ehepaar, das unbedarft und von telefonisch weitergereichten Kochrezepten abgelenkt, die Leiche beim Wandern entdeckt. Zwischen den Felsbrocken auf der Bühne der großen Halle stolpern sie umher. Dazwischen schneidet Balzer Immer wieder Szenen einer verhinderten Liebesgeschichte zwischen einem schüchternen Mann, der am liebsten unsichtbar sein würde, und einer Frau, die sich wild entschlossen hat, ihn trotzdem bedingungslos zu lieben. Beeindruckend, wie Kriemhild Hamann, die beide in Personalunion speilt, virtuos zwischen den beiden Charakteren hin- und herspringt. Dennoch ist es schwierig, diese Romanze mit Anlaufschwierigkeiten zu der Gletschermumie in Beziehung zu setzen. Die Glitzerklamotten, die alle Schauspielerinnen des Casts tragen (die eher für einen Clubbesuch denn für eine Bergtour oder für Urzeitmenschen passen) machen das Verständnis nicht einfacher. Auch der Ötzi war wahrscheinlich ein Mensch wie du und ich. Doch hilft es uns bei dem Verständnis für seine Geschichte ihn direkt in die Gegenwart zu beamen? Da melden sich leise Zweifel.
Was uns heute an seiner Geschichte interessieren könnte, jenseits der wissenschaftlichen Forschungen seiner körperlichen Überreste, bleibt weiterhin ein Geheimnis, das auch dieser Theaterabend nicht lüften konnte. Stattdessen ist er eine Aufforderung an jede:n einzelne:n aus dem Publikum, die eigene Fantasie in Gang zu setzen, um seine Geschichte neu zu erzählen. Eine Variante haben sie heute gesehen. Sie zeugte von Experimentierlust, Spielfreude, Risikobereitschaft und Mut zur viel Selbstironie. Balzer setzt an jede Stelle der Inszenierung unübersehbare Fragezeichen. Keine ihrer Denk- und Spielanordnungen sind gesetzt, sie sind nur Angebote zum Weiterspinnen und -denken, die sich von überkommenen Regeln freizumachen versuchen. Darin liegt ihr Gewinn, aber auch ihr Risiko zu scheitern, wenn sie sich zu weit von der eigentlichen Grundannahme der Geschichte zu entfernen drohen. Das könnte, je nach Perspektive der Zuschauer:innen bei dieser Arbeit passiert sein.
Birgit Schmalmack vom 19.3.25
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