Einhandsegeln, Thalia

Einhandsegeln, Thalia
Copyright: Fabian Hammerl
Aussteigerdarsteller
Wie das richtige Leben fängt das richtige Segeln mit dem richtigen Denken an. Und dazu braucht es die korrekte Ortsbestimmung. Wie könnte das besser gelingen als auf einem Segelboot, alleine mit sich und dem Ozean? Das denkt sich der Ich-Erzähler, der sich kurz entschlossen nach einer unerwarteten Kündigung die „Kate Moss“ zulegt und seitdem auf Kap Horn zusteuert. Der Stuhl auf dem Treppenabsatz des Mittelrangfoyers wird zu seinem Segelboot, der Vorhang zu seinem Segel und die Treppe zu seiner Metapher für eine 45-Grad-Schräglage. Auf sich zurückgeworfen schwankt er stetig zwischen Einsamkeitsliebe und Einsamkeitsstrapazen. Seine Koordinatenbestimmungsinstrumente funktionieren zwar perfekt, aber wie sieht es mit seiner ganz persönlichen Standortbestimmung im Leben aus? Da scheint es mit seiner Sicherheit schnell vorbei zu sein. Zwar stürmt Tim Porath in weißer Hose, weißem Hemd zu dunkelblauer Trainingsjacke und feinen Lederschuhen ebenso leger wie akkurat und äußerst energiegeladen die Treppe zum Foyer im Thalia Theater herunter, doch seine fast unmerklichen nervösen Zuckungen im Gesicht machen deutlich, dass sein Auftreten viel Show beinhaltet. Wie ein Aussteiger, der allen Widrigkeiten des Überlebens auf dem Meer trotzt, sieht er nicht aus, eher wie ein Eppendorfer Schnösel, der auf dem Weg zu seinem Alstersegelverein ist. Er scheint nicht nur seine Zuhörerschaft, sondern auch sich selbst von seiner unerschütterlichen Selbstsicherheit überzeugen zu müssen. Er nimmt das blau eingebundene Buch „Einhandsegeln“ zur Hand, streicht über den Einband und behauptet, dass er einfach die Rauigkeit lieben würde. Nicht zuletzt die der See, denn bei Flaute herrsche Stillstand. Für die raue Oberfläche des Buches nimmt man ihm das ab.
Manchmalüberfällt ihn dann doch der Wunsch nach menschlichem Kontakt. Und sei es über eine Dating Plattform. Als die angeschriebene Frau auf ein tatsächliches Treffen lieber verzichten möchte, weil es viel zu anstrengend wäre, ist er scheinbar nur kurz enttäuscht. Der Treffpunkt hätte auch gar nicht auf seinem Kurs gelegen, versucht er sich dann zu trösten.Porath zeichnet das Bild eines selbstgefälligen Egozentrikers, der den engen Kontakt mit anderen Menschen auch deswegen ablehnt, weil er sich dann tatsächlich mit sich selbst auseinandersetzen müsste. So kann er zwar so tun, als wenn in seiner Einsamkeitssuche auch der Wunsch nach Selbstkonfrontation läge, aber braucht keine Ablehnung, Zurechtweisung oder Auseinandersetzung mit einem Gegenüber zu fürchten. Sieht so die Freiheit aus?
Das Buch von Christian Kortmann, das Regisseur Matthias Günther am Thalia Theater als inneren Monolog, bzw. Dialog mit dem Publikum inszeniert, zeigt keinen Mann, der in sich selbst ruht, sondern einen, der nur vorgibt es zu tun. Ganz im Gegenteil: Zum Nachdenken hat dieser Mann eigentlich gar keine Zeit, zu viel hat er als Einhandsegler auf dem Meer zu tun, um seinen Trip zu überleben. Gegen Ende seiner Reise scheint er vor einer Entscheidung zu stehen: Soll er sich dem Zugehörigkeitswunsch zur Gesellschaft unterordnen oder doch im Trost der Einsamkeit seinen eigenen Weg gehen? Doch dieser Möchtegernaussteiger entzieht sich wieder einmal einer Entscheidung und entschwindet zum sanft verklingenden Song von „My Way“. Auch das mehr Behauptung als Realität.
Birgit Schmalmack vom 30.3.25
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