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ALIENATION III und La Vacabose, Kampnagel

La Vacabose

Tobias Eineder

Tänzerische Erforschungen


Auf dem Boden sind die Stadtteile von Kampala, der Hauptstadt von Uganda, verzeichnet. Beim Einlass wurden den Zuschauer:innen kleine Zettel mit ihrem Distrikt zugeteilt, in denen sie sich platzieren sollen. So sind sie separiert und in die papierbraunen Umrisse gebannt, doch im Laufe der Inszenierung werden sie noch die ein oder andere Verschiebung durchlaufen. Doch zunächst robbt sich Robert Ssempijja zwischen ihnen hindurch. Auf dem Boden liegend zieht er sich mit den Füßen und Händen abstützend über die Zwischenräume zwischen den Stadtteilen.
Zu Schreibmaschinengeklacker erscheinen auf den drei Leinwänden Texte: Kampala, das sei seine Stadt gewesen. Er und die Stadt seien eins gewesen. Doch dann hätten sich leise Zweifel gemeldet. Denn Kampala, das sei eigentlich ein Produkt der ehemaligen Kolonialherren. Ein Deutscher namens Ernst May lieferte den Grundriss für diese Stadt in Uganda. Und die Briten benannten die Straßen und Plätze nach den Mitgliedern ihres Königshauses. Was hatte die Stadt eigentlich mit ihm zu tun, fragt sich der Künstler zunehmend.
Diese Fragen erkundet er nun in „Alienation“. Dazu zieht er sich einen Anzug mit den englischen Straßennamen der Stadt an und versucht in ihnen seinen Platz zu ertanzen. Er begibt sich mit den fremden und doch so vertrauten Namen in die Stadtteile und verrenkt sich beeindruckend, um zu sehen, wie er sich mit und unter ihnen fühlt und von ihnen befreien könnte. Doch auch die Zuschauer:innen sollen ein Gefühl dafür bekommen, wie die Beliebigkeit von Stadtplanung sich auf sie auswirken kann. Dazu nimmt Robert Ssempijja die Straßenschilder vom Bühnenrand und zerschneidet mit strengen Blick die Sitzanordnung des Publikums. Zuletzt vertreibt er einen Zuschauer, der im mittleren Stadtteil platziert worden war, indem er seinen Bereich komplett mit Korkschnipseln ausfüllt. Denn hier wird sich Robert Ssempijja zum Schluss seiner Fremdbestimmung entledigen und den Straßennamenanzug wie eine leere Haut liegen lassen.
Völlig anders die zweite Inszenierung „La Vacabose“ am ersten Abend des Festivals TanzHochDrei auf Kampnagel. Denn hier es um den Rausch und die Ekstase. Die drei Performer:innen, die Maria Mercedes Flores Mujica hier für ihre Choreographie versammelt hat, begrüßen die Zuschauenden sichtlich beschwipst, als sie in die offene Halle kommen. Bis erkennbar wird, was die Zielrichtung des Abends sein könnte, lassen sie ihre Besucher:innen lange im Unklaren. Scheinbar völlig improvisiert sprechen sie einzelne von ihnen an, animieren sie zum Trinken, zum Tanzen, zum Anbändeln. Dann schnappt sich Sebastian Varra Darya Myasnikova und sie schwingen sich in den venezolanischen Volkstanz Joropo ein. Mehr oder weniger freiwillig, wie ihre zunehmend missbilligenderen Minen erkennen lassen. DJ Szymon Wójcik erschafft dazu an seinem Pult das Sounddesign. Es wechselt in schnellem Wechsel von traditionellen Klängen zu Clubmusik, und von harten Beats zu den Geräuschen von wiederkäuenden Kühen. Denn diese spielen als symbolisch aufgeladene Wesen eine große Rolle in der Mythologie hinter den venezolanischen Ritualen auf den Straßenfesten, auf denen Menschen, Kühe und Dämonen mit Göttinnen tanzen. Das Wiederkäuen wird zu einem Bild für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur. Es steht im Kontrast zu der Schnelllebigkeit der nach Events suchenden Gesellschaft.
Maria Mercedes Flores Mujica erkundet in ihrer Arbeit die schwer zu bestimmenden Nahtstellen zwischen den verschiedenen Extremen. Den Feierexzess genauso wie die meditative Stille, den Rausch genauso wie das nachdenkliche Miteinander, das Menschsein genauso wie das Göttliche und das Tierische. Das verlangt den Zuschauenden viel Bereitschaft zum Einlassen und Einfühlen ab, doch wer sich in dieses Wechselbad der Gefühlszustände hineinfallen lassen mochte, bekam am Schluss eine Ahnung von dem Reichtum möglicher Erlebnisräume, die in westlichen Kulturräumen in externalisierte Randzonen verbannt worden und meist nur noch unter Zuhilfenahme von Drogen zu erreichen sind.
Birgit Schmalmack vom 21.3.25

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