BECOMING JUDITHA! Eine Anleitung zum Hass, HfMT
Wen gilt es zu hassen?
Oder ist Hass ein Gefühl, das es zu unterdrücken gilt, ganz besonders als Frau? Oder müsste man gerade als Frau endlich anfangen auch diese Emotion zu kultivieren, um daraus die Antriebskraft zur Gegenwehr zu gewinnen? Doch Hass ist hässlich und macht hässlich. Aber wohin mit dem Unbehagen über die Ungerechtigkeiten, das Patriarchat, die Gewalt, die Ausbreitung von rechtem Gedankengut und die Macht des Kapitals?
All diesen Fragen geht Jungregisseurin Viola Bierich in ihrem Abschlussprojekt an der HfMT nach. Sie verknüpft dafür das Oratorium „Juditha triumphans devicta Holofernis barbarie“ von Antonio Vivaldi mit dem Buch „HASS. Von der Macht eines widerständigen Gefühls“ von Şeyda Kurt. Dazu lässt sie auf der zunächst leeren Bühne des Orchestergrabens die drei Schauspielerinnen (Eileen von Hoyningen Huene, Antonia Sandrock und Pauline Schönfelder) und einen Countertenor (Julian Schmidlin) auftreten, die in einem Sprechgesang zum Hass aufrufen. Doch dabei bleiben sie nicht lange. Schon sind sie Teil einer Gruppe, die Achtsamkeit trainiert und sich in Gemeinschaftsübungen zusammenfindet. In diesem Hin und Her zwischen verständlicher wütender Erregung und angestrebter, weil gewünschter Harmonisierung bewegen sich die Vier in einem stetigen Auf und Ab der Gefühle. Sie bedienen sich dazu auch der Geschichte von Juditha, die ihrem Eroberer Holofernes den Kopf abschlägt, weil er sich ihrer bemächtigen will. Sie suchen nach der Verknüpfung von Hass, Fürsorge und Gemeinschaft. Denn vielleicht ist ein Hass, der gegen die Gleichgültigkeit aufbegehrt, gar nicht so schlecht, sondern kann das “Versprechen an eine Zukunft sein, die lebenswert ist”. So heißt es in der Programmankündigung. Also machen sich die Vier dann, als sie die Bühne erklommen haben, auf in eine neue Zukunft. Unter den zwei Bögen scheinen sie durch einen Tunnel in eine neue Gemeinsamkeit zu gehen, vereint in ihrem Gefühl, sich vereint gegen die Zustände wehren zu wollen und zu können. „Becoming Juditha“ ist zu ihrem Leitspruch geworden, der ihnen Kraft gegeben hat. Oder wie Julian schon zu Beginn sagte: Yoga habe ich schon immer gehasst.
Viola Bierich hat hier ein Musiktheater geschaffen, das eine wahrhaftig gleichberechtigte Verknüpfung beider Elemente der Musik und des Theaters wagte. Sie versteht Musiktheater nicht so, dasselbe in einen inhaltlichen Rahmen zu setzen, sondern erlaubt sich, beide Einflussgrößen in direkten Dialog zueinander zu stellen. Dass ihr das hervorragend gelingt, liegt auch an ihrem wunderbar starken Darsteller:innenteam. Die drei Schauspielerinnen schaffen es zusammen mit dem Countertenor, mit dem ständigen Wechsel der Sprech- und Texthaltungen zu spielen und souverän die Bühne zu füllen. Eine äußerst anregende, intelligente und innovative Arbeit.
Birgit Schmalmack vom 28.3.25
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