Tempo 76
Tempo 76
Uniformität in neuer Form
Grüner Rasen bedeckt den Boden. Eine Frau in Jeans nimmt Platz, reibt nachdenklich ihr Kinn, schlägt ein Bein unter, lockert die Schultern, zupft einen Grashalm aus, schnipst ihn weg. Ein Mann erscheint am hinteren Rasenrand. Ohne Blickkontakt stimmt er in den Bewegungsablauf mit ein. Ein Paar Beine wird sichtbar. Ein Oberkörper kommt hinter einem Bühnenvorhang hervor. Nach und nach kommen so alle neun Tänzer auf die Bühne und vollführen synchron alltägliche Handlungsabläufe. Sie lassen Bilder von völliger Gleichförmigkeit entstehen. Das ist umso erstaunlicher, als das sich dieser Teil von „Tempo 76“ in totaler Stille abspielt. Erst später gibt Musik von Györgyi Ligeti ihren eigenen Takt zum Agieren auf dem Rasen.
Mathilde Monnier erprobt in ihrer Choreographie die Formen der Synchronität. Doch es geht ihr nicht nur um Bewegungen - auch Gefühle sind gleichgeschaltet. Auf grünen Rasen wird synchron gelacht, geweint, getrauert. Im Gleichklang haben die Menschen Angst, sind erschrocken oder zeigen unbeschwerte Lebensfreude.
Monnier durchforstet auch konkrete Situationen, in denen synchrones Handeln gefragt: Armeeeinsätze tauchen ebenso auf wie ein lautstarkes Chorsingen, Animation bei Sportfesten und Bühnenaufführungen. Die Tänzer erweisen sich hier als gute Pantomime-Künstler.
Monnier spielt mit einem Bewegungsrepertoire, das einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. In der Realität laufen sie zeitversetzt ab. Indem sie sie in völliger Synchronität auf die Bühne stellt, erweist sich, wie uniform die alltäglichen Bewegungsabläufe eigentlich sind.
Während im ersten Teil der Überraschungseffekt für Spannung sorgte, drängte sich im Mittelteil jedoch der Eindruck auf, Monnier würde sorgsam alle Lebensäußerungen auflisten und sie archivarisch an ihrer Idee der synchronen Darstellung abarbeiten. Im letzten Teil konzentrierte sie sich wohltuend auf Situationen und schafft dadurch Platz für aktionsgeladene interessante Momente. Wenn dann zum Schluss sich auch noch der Rasen in das Geschehen einmischt und sich an immer mehr Stellen zu kleinen Hügeln aufwirft, hat der Abend zudem das subversive Element entdeckt. Passend dürfen sich die Tänzer dann ganz ihrem eigenen spontanen Bewegungswünschen hingeben. Sie chillen in Zeitlupe auf dem Grün und knüpfen sogar die ersten Kontakte zu einem Mitmensch. Erst die Konzentration auf eigene Gefühle macht die Begegnung mit dem Gegenüber möglich.
Birgit Schmalmack vom 20.8.09
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