Blessed Meg Stuart
Blessed - Meg Stuart
Performance nicht nur von Pappe
Der Palmenplatz nebst Hütte und Schwan sieht idyllisch aus, doch er ist aus Pappe. Ein Mann schlurft in Badelatschen herein und schreitet das Areal gemächlichen Schrittes ab. Gerade als er auf dem Pappstuhl Platz genommen hat, setzt der Regen ein. Noch sieht er zufrieden zu, wie seine Umgebung immer nasser wird, er selber aber trocken bleibt. Doch dann wird auch ihm klar: Seine Hütte wird ihn nicht lange schützen. Sie wird genauso einknicken wie vor ihr die Palme und der Schwan. Der Mann verkriecht sich immer weiter unter dem einfallenden Dach seiner Behausung. Nachdem auch ein Regentanz zum Stoppen des Gusses keinen Erfolg gehabt hat, ergibt er sich seinem Schicksal. Mittlerweile hat er über der Unterhose nur einen durchsichtigen Plastikregenmantel an. Immer neue Variationen von Kartenhäuschen zum kurzfristigen Schutz vor dem Regenmassen baut er sich. Alle brechen sie schon nach vorhersehbar kurzer Zeit in sich zusammen. Zitternd kriecht er nun wie ein verängstigtes Tier auf den Pappresten herum. Verzweifelt suchend nach Nahrung und Schutz.
Zwei Besucher hat der Mann in seinem Elend. Die erste ist eine Nachtclubtänzerin. Mit einem immer gleichen, professionellen Lächeln tanzt sie mit ihrem riesigem Kopfputz und Glitzeranzug auf hohen Plateaustiefeln über die Pappfetzen hinweg. Mit weit offenem Mund starrt sie der auf dem Boden kauernden Mann sie. Sie würdigt ihn dagegen keines Blickes. Sein zweiter Besucher ist der Kostümbildner Jean-Paul Lespagnard. Er streift ihm immer neue Outfits über. Mit Sonnenbrille und Pelz darf sich der Mann, der alles verloren hat, kurze Zeit vom Scheinwerferlicht angestrahlt wie ein Star fühlen. Das Ausschlachten von Notsituationen durch die Medien und die Stilisierung der Notleidenden zu kurzfristig benutzbaren Stars klingt so mit an.
Meg Stuart hat dieses Stück zusammen mit dem Choreographen und Tänzer Francisco Camacho entwickelt. In „Blessed“ (Gesegnet) überlassen sie aber die Hauptrolle der Papp-Installation von Doris Dziersk. Die genau choreographierten Einsturzbewegungen stellen die sparsamen Tanzschritte von Camacho und Kotomi Nishiwaki fast in den Schatten. Die effektvoll in sich zusammenbrechenden Pappkonstruktionen lassen Erinnerungen an die Fernsehbilder der Tsunami-Katastrophe aufleben und bebildern eindrucksvoll die Bedrohung durch die Klimaveränderung. Während Camacho wie Sisyphus die Pappfetzen umschichtet, berührt die Vergeblichkeit seines Lebenskampfes.
Birgit Schmalmack vom 20.8.08
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