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Schwester von

Schwester von
Held des Wartens
Sie ist nur ein Halbsatz der Geschichte geblieben: Ismene, die Schwester von Antigone. Immer stand sie im Schatten ihrer Familie, die für Schlagzeilen sorgte. Man könne nicht sagen, dass ihre Familie harmonisch gewesen wäre. Ihr Bruder schlief mit ihrer Mutter. Ihre Mutter beging Selbstmord. Ihr Vater stach sich die Augen aus. Ihre Brüder brachten sich gegenseitig aus Machtgier um. Ihre Schwester wurde von ihrem Onkel in den Tod getrieben. Wie die Dominosteinchen fiel ein Familienmitglied nach dem nächsten. Nur Ismene und ihr Onkel Kreon blieben übrig. Nun tausende Jahre nach ihrem Tod stellt sie sich einer Zuhörerschaft und seinem Urteil. Ist sie feige gewesen? Wird man Verständnis für die Beweggründe der einzig Normalen in einer Irrenanstalt haben, die durch das Würfelspiel der Götter zu ihrem Schicksal verdammt waren?
Zuerst stammelt und stottert Elsie de Brauw nur. Nur mühsam wie kleine einzelne Brocken fallen die Wörter Stück für Stück aus ihrem Mund heraus. Viel besser kann sie das Bellen und Schnaufen der Hunde nachahmen, deren Geräusche sie Tag und Nacht an ihrem Ort der Verbannung umgeben. Zu lange hat sie mit niemanden mehr gesprochen. Nur ihre Gedanken, Schuldgefühle und Fragen in ihrem Kopf hin und her bewegt. Nun endlich darf sie reden. Darf sie auch hoffen auf eine Erlösung ihrer Einsamkeit? Unsicher ist sie, zaghaft, unbeholfen. Für sich selbst etwas zu wollen und zu fordern, ist ihr ungewohnt.
Der grandiose Monolog dieser Frau nach dem Text von Lot Vekemans ist ein sinnliches Erlebnis. Obwohl de Brauw als Sinnbild für ihr Nichtstun wie angewurzelt auf einem Fleck stehen bleibt, ist ihr Minenspiel so bewegend, dass niemand sich ihrer Faszination, ihrem Humor, ihrer betulichen Selbstironie und ihrem bescheidenen Charme entziehen kann. Jubelnder Applaus am Ende für ihre überragende Leistung.
Birgit Schmalmack vom 26.5.08

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