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...............Kritiken für Hamburg seit 2000

Moeders

Moeders
Born to be free
Zu Gast in der Küche bei Muttern zu sein, sich an den guten Gerüche, der Wärme und den zwangslosen Gesprächen zu erfreuen, ist eine schöne Vorstellung, die Alice Zandwijk für die Besucher im Thalia in der Gaußstraße Wirklichkeit hat werden lassen. Die ca. 200 Zuschauer wurden von den 12 Müttern, die aus Rotterdam angereist waren, liebevoll bekocht und unterhalten. Die Wärme und Herzlichkeit, die die Frauen aus Afrika, Iran, Südamerika und den Niederlanden dabei verströmen, versorgte neben den leckeren Nahrungsmitteln mit zum Leben notwendiger Energie. Ob jüdisch, hinduistisch, christlich oder islamisch, alle Frauen sind sich darin einig, dass nur Frauen diese Lebensenergie spenden können. Sie strahlen ein Selbstbewusstsein aus, das weit entfernt ist von dem Klischeebild der unterdrückten Frau. Über alle Kultur- und Religionsgrenzen hinweg stehen sie für den Lebenszyklus, der mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Nur Frauen können ihn beginnen lassen, denn jedes Leben beginnt mit einer Mutter.
Die Frauen, die Zandwijk in dieser überdimensionierten Küche zusammengebracht hat, nehmen diese Aufgabe einer Frau mit besonderen Elan und Selbstbewusstsein an. Ihnen ist problemorientierte Bedenkenträgerei fremd. Sie stellen sich dem Leben und seinen Herausforderungen mit großer Emotionalität. Sie wagen ihre Gefühle zu zeigen und zu leben. Während z.B. eine der zwei mitwirkenden Niederländerinnen berichtet, wie diszipliniert die Beerdigung ihres Großvaters ablief, berichten die anderen Frauen von tagelangen gemeinsamen Weinen und lautstarken Trauern.
In der vertrauten Atmosphäre der Küche lässt sich leicht erzählen. Die Frauen berichten in großer Offenheit über Urthemen wie Geburt, Hochzeit, Familie und Tod. Doch auch Menstruation, Haarwuchs und Brustumfang sind in diesem Ambiente zwischen den Frauen ein Gesprächsthema. Wenn Konflikte angesprochen werden, enden ihre Erzählungen häufig mit den Worten: „Ja, dann hat die Frau ein Problem.“ Doch wo die Frauen Hilfe finden können, wird in dieser Küche auch klar: In der Solidarität der anderen Frauen.
Zandwijk ist mit diesem außergewöhnlichen Theaterprojekt etwas gelungen, worin jede noch so bemühte Multikulti-Integrations-Konferenz scheitern muss: Sie hat völlig unverkrampft die Menschlichkeit und Herzlichkeit der Menschen sprechen lassen. Dieser mitreißenden Wirkung kann sich kaum jemand im vor Hitze flirrenden Bühnenraum in der Gaußstraße entziehen. Wenn zum Schluss alle Zuschauer von den Frauen mit wohlschmeckenden Gerichten, Wein und Obsttellern bewirtet werden, ist die Freude über ein Theaterereignis perfekt. Angefüllt mit vielen neuen Gedanken, Gefühlen, Geschmäckern, Gerüchen und Gesprächen geht man nach Hause.

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