Mamma Medea
Mamma Medea
Bedrückende Aktualität
Medea (Sandra Hüller) verdrückt sich zwischen die Rigipswände ihres Hauses. Nur noch Reste davon stehen auf der Drehbühne. Ihre beiden Söhne haben sich in eine Mauernische gezwängt. Als könnten sie ihr Schicksal ahnen, scheinen sie sich unsichtbar machen zu wollen. Ihr Ehemann Jason (Steven Scharf) will derweil höher hinaus: Er klettert die Wandversatzstücke Sprosse um Sprosse hinauf. Verhelfen zu dieser Karriere soll seine neue Geliebte, die Tochter des Königs, Kreusa. Während diese im strahlend weißen eleganten Kostüm auftaucht, schlurft Medea in Jogginghose und Unterhemd durch die Gegend.
Aus der jungen dynamischen und rebellischen Tochter Medea von der Insel Kolchis ist eine verbitterte, verhärmte und hoffnungslose Frau geworden. Sie macht Jason ihre Rechnung auf: Alles hat sie für den Griechen, der einst in unfriedlicher Mission auf ihrer Heimatinsel auftauchte, aufgegeben. Um mit ihm fliehen zu können, hat sie dem Mord an ihrem Bruder und dem Verrat an ihrer Schwester zugestimmt. Hoffte sie damals noch, dass dies die einzige Schuld sein würde, die sie auf sich laden müsste, um mit Jason ein neues Leben anfangen zu können, so erwies sich das bald als Irrtum. Angekommen in seiner Heimatstadt Jolkis mordeten sie wieder und mussten fliehen. In Korinth greift Jason nun zu unblutigen aber nicht weniger verletzenden Mitteln, um seinem aufstrebenden Zielen näher zu kommen: Er freit die Tochter des Königs.
Kimmig lässt die Griechen in Lederjacken, Hemd und Anzughose in langschäftigen Stiefeln auftreten. Was als Zivilisiertheit daherkommen will, wird als martialisch enttarnt. Ihre Machtgelüste und Blutrünstigkeit steht den barfüßigen Kolchern in ihrer legeren Freizeitkleidung, die beim Ränke schmieden Sonnenblumenkerne kauen, in nichts nach. Medea und Jason finden in dieser aufgeheizten Stimmung nur zueinander, weil die junge Frau die Initiative ergreift. Der Liebespragmatiker Jason, der ungerne große Worte macht, weiß der impulsiven starken Frau nichts entgegen zu setzen, zumal er ihr strategisches und zauberkräftiges Insiderwissen gut gebrauchen kann. Medea setzt alles auf eine Karte. All ihr Wissen, all ihre Kraft, all ihre Liebe, all ihre Lebenszeit widmet sie Jason und ihrem gemeinsamen Liebes- und Lebensprojekt. Solange Medea Jason nützlich sein kann, behält er sie. Doch als sie ihm zu schaden droht, entledigt er sich ihrer. Sein Lebensprojekt unterschiedet sich von Medeas: Er will an die Macht. Eine Fremde ist dabei nicht nur hinderlich sondern auch schädlich. Also soll sie gehen.
Der Text von erzählt die ganze Geschichte Medeas an einem Abend. Spannend wie Krimi schraubt sich von Szene zu Szene das Drama seinem längst bekannten Ende zu.
Medeas Reaktionen werden verständlich. Sie kämpft mit allen Mitteln. Sie schreit, argumentiert, verhandelt, schmeichelt, trickst, lügt und droht. Sie will Jason für sich behalten. Ihre Verzweiflung heizt an, dass ihr jede Rückwege verschlossen bleiben. Zu groß ist die Schuld, die sie Jasons wegen auf sich geladen hat. Dazu räumt sie zunächst ihre Rivalin aus dem Weg. Dann entledigt sie sich ihrer Jogginghose und wirft sich in großblumiges, langes Kleid. So empfängt sie den vor Wut rasenden Jason. Nachdem letzte verzweifelte Flirtversuche fehlschlagen, eröffnet sie ihren letzten triumphalen Schachzug: Sie wird die beiden Söhne ermorden. Noch immer hofft sie. Als sie den Kopf an Jasons Schulter legt, ist man versucht einen Augenblick an die glückliche Familie zu glauben, die Jason sich doch mal wünschte. Als Jason sie abschüttelt, geht sie nach hinten. Man hört einen Schuss. „Dein Ältester.“ Bevor Medea ein zweites Mal in Aktion treten kann, kommt Jason ihr zuvor. Wo alles verloren ist, gibt es nichts mehr zu retten.
Kimmig braucht Parallelen zur Gegenwart nicht direkt auszusprechen. Sie werden auch so offensichtlich. Jason und Medea sind zu einem ganz normalen, im Laufe der Jahre verbitterten Ehepaar, das obwohl es sich immer wieder schadet, nicht voneinander lassen kann. Wo die Erwachsenen verzweifelt sind, müssen die Kinder leiden. Diese traurige Erkenntnis wird beim Blick in die Tagespresse immer wieder bestätigt. Medea gerät zu einer Parabel auf das Heute, die aktueller kaum sein könnte.
Birgit Schmalmack vom 29.5.08
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