Revisiting Hure
Revisiting Hure
Warum nicht einfach zuhören?"
Isabelle McEwens Inszenierung des pornographischen Romans "Hure" schockierte viele Zuschauer. Denn die Freier, die dort auftauchten, ähnelten weniger professionellen Pornodarstellern als dem Mann von nebenan. Nun hat McEwen ein Stück über die Reaktionen gemacht: "Revisiting Hure"
INTERVIEW FRIEDERIKE GRÄFF
taz: Frau McEwen, Ihre Inszenierung "Hure" hat das Hamburger Publikum sehr gemischt aufgenommen. Ist die nüchterne Sicht auf Prostitution noch immer nicht gesellschaftsfähig?
Isabelle McEwen: Es ist fast immer eine Schwarz-Weiß-Darstellung: Entweder sind es die armen Frauen oder genau das Gegenteil. Aber die Leute haben Schwierigkeiten damit, dass es sehr komplex ist, dass jede Frau etwas anderes dabei erlebt, von der Studentin, die es als Edelprostituierte ganz gern gemacht hat bis hin zu den schlimmsten Sachen mit Frauen, die verschleppt werden.
Die Reaktionen müssen ziemlich extrem gewesen sein, wenn Sie zwei Jahre später ein neues Stück daraus machen.
Es gab eine Riesendiskrepanz zwischen dem Schock mancher Leute, vor allem junger, und unserer Freude am Projekt. Es gab so schöne Begegnungen dabei, oft gerade dort, wo man sie nicht erwartete. Diese Ruhe, daraufzugucken, ohne zu urteilen. Das war sehr befreiend. In meinem neuen Stück wird es ein Interview mit mir und der Hauptdarstellerin zu unseren Erfahrungen mit dem Projekt geben, dazu Szenen aus aus dem Stück selbst.
Ihr Theaterpublikum hatte diese Ruhe des einfach Daraufguckens nicht?
Die Leute hatten Probleme mit der Realität der Bilder. Wenn man pornographische Bilder sieht, sind es meist ausgesuchte Darsteller, die ganz gut aussehen, das ist nicht der Mann von Nebenan, der Nachbar, Onkel, Gemüsehändler. Ich hatte mir mit einer Annonce "Darsteller für Kunstporno gesucht" normale Leute gesucht und habe die Begegnung so inszeniert, wie sie auch draußen stattfinden.
Aber die Darsteller verstanden sich als Teil eines Kunstprojekts?
Manche hat es sehr interessiert, wie diese Szenen im Stück thematisiert wird - und manche überhaupt nicht. Manche kamen, weil sie umsonst Sex haben konnten.
Wer interessiert Sie mehr: Die Freier oder die Prostituierten?
Ich habe den Blick umgekehrt: Normalerweise stehen die Frauen im Mittelpunkt, aber wir haben aus der Perspektive der Frau gedreht, die die Männer bedient und damit ist die Kamera auf die Männer gerichtet.
Nelly Arcan ist nicht die erste, die radikal über weibliche Sexualität schreibt, vor ihr haben das bereits Christine Angot und Catherine Millet getan. Was hat Sie an Arcans Text gereizt?
Ich finde, dass es ein sehr wahrhaftiger und zugleich ein sehr poetischer Text ist. Mich hat die Auseinandersetzung mit Männer- und Frauenrollen interessiert. Es geht in Arcans Roman um Prostitution, aber es geht auch generell um die Begegnung von Männern und Frauen, darum wie sich die Frauen im Blick der Männer suchen.
Sind diese Texte mehr als eine Mode, die sich gut verkauft, weil Sex sich immer gut verkauft und je drastischer, desto besser?
Es ist eine ganz eigene Stilrichtung, einer pornographischen Sprache, die Frauen entwickelt haben. Und es ist kein Wunder, dass Frauen begonnen haben, sich für diese Thema zu interessieren, über das Männer schon seit langem sehr viel reden und schreiben. Als Frau finde ich es extrem befriedigend, solche Texte zu lesen, völlig unabhängig davon, ob man eine ähnliche Sexualität hat oder nicht. Warum sollte man nicht einfach Zuhören?
Der Film, den Sie zum Stück gedreht haben, ist sehr positiv aufgenommen worden. Er hat sogar einen Preis beim Pornfilmfestival gewonnen.
Er ist aber auch bei ganz normalen Festivals gelaufen und das fand ich auch sehr schön. Natürlich hat er pornographische Elemente, aber es ist kein Pornofilm. Es ist eine Szene aus dem Roman, bei der eine Frau durch den Schnee läuft und zwei Männer, die man beim Sex sieht. Es ist eigentlich ein surrealistischer Film; die Frau spricht über Religion und ihre Angst vor den religiösen Bildern ihres Vaters.
Revisiting Hure
The Making of „Hure“
Moralische Grenzen bezüglich der Sexualität habe sie nicht, betont Regisseurin Isabelle McEwen. Solange keinem Menschen Schaden zugefügt würden, seien ihre ethischen Grundsätze erfüllt. Dagegen ginge es ihr bei ihrem Projekt „Hure“ um Reflektion und für die könne es keine Grenze geben. Dennoch war und bleibt das Projekt und seine Weiterführung im zweiten Teil „Revisiting Hure“ ein Balanceakt. Nackt und gleichzeitig angezogen, liebevoll hinsehend und kritisch hinterfragend, objektiv darstellend und immer wieder provozierend, all diese Parameter kennzeichnet McEwens Herangehensweise an das Thema der Prostitution.
Der erste Ausgangspunkt war das autobiographische Buch von Nelly Arcan. Schon im ersten Teil gab es drei ineinander verschachtelte Ebenen: die Filmaufnahmen von nackten Frauen, die persönliche Teile aus dem Buch inszenierten, die realen Schauspielerinnen auf der Bühne, die reflektierende Textpassagen in Szene setzen und die freizügigen Filmaufnahmen der Freier, die die Prostituierte besuchen. Im zweiten Teil kommt noch eine weitere dazu: Interviewerinnen auf der Bühne befragen die Regisseurin und die Hauptdarstellerin zu ihren Intentionen und Gefühlen während des Projektes. So erfährt der Zuschauer dieses Mal viel über die Entstehung des Theaterstückes.
Wie im ersten Teil werden die gealterten Freier, die kaum die herkömmlichen Anforderungen an Attraktivität erfüllen, mit der Schönheit und Reinheit der Frauen kontrastiert. Dabei könnte aber der Eindruck entstehen, dass sie genau dem Diktat der Gesellschaft unterliegt, die die Äußerlichkeiten des weiblichen Geschlechts in den Fokus stellt. Doch darin folgt sie nur der Betonung dieses Gedankenkonstrukts in der Textvorlage. Für Arcan sollten Frauen ab 30 eigentlich nur in einem Sauerstoffzelt die Zeit überbrücken, bis ein wirksames Verjüngungsmittel erfunden sei, oder sich ansonsten ein Laken über den Kopf ziehen.
Doch auch andere Fragestellungen werden ausgeblendet: Die Frage der Bezahlung der Sexarbeit wird nur in Andeutungen erwähnt. Doch gerade sie ist der Kern der Machtkonstellation, der das Verhältnis von Freier und Prostituierter unterliegt. Wer bezahlt, bestimmt. So zeigt McEwen ein geradezu paradiesisches Hurendasein, in dem die Freier Menschen sein können. In ihrem Projekt hat sie das ermöglicht: In einer der Interviewsequenzen erzählt sie, dass es für die Männer sehr wichtig gewesen sei, dass sie für die Akte, bei denen sie gefilmt werden, nichts bezahlen müssen. So konnte das Thema Macht in der Arbeit ohne das leidige Geld ausbalanciert werden. Für den Dienstleistungsakt selbst übergaben die Darstellerinnen ihren Part während der Drehs an McEwen: Sie selbst übernahm den Part der weiblichen „Kunst-Pornodarstellerin“. Ein wirklich ganzheitlicher Einsatz für ihr Regieprojekt.
Hinsehen und Hinhören sollen die Zuschauer und nicht vorschnell urteilen, das wollte McEwen erreichen. Da die Theatermittel ihr offenbar nach der ersten Inszenierung nicht zur Vermittlung dieser Botschaft ausgereicht haben, hat sie eine pädagogischen Ansatz im zweiten Anlauf gewählt: Die Regisseurin gibt nun unmissverständliche Interpretationshilfen zum Verständnis ihrer Arbeit. Ein ungewöhnliches Unterfangen für eine Theaterschaffende, die sonst ihre Arbeit gerne für sich selbst sprechen lassen. Aus gegebenem Anlass schien McEwen es angebracht zur Aufklärung der vielen Missverständnisse, die es anlässlich des ersten Teiles gab, zu sorgen.
Deutlich bringt es auch die Hauptdarstellerin auf den Punkt: Es geht ums Sehen-Können ohne konventionellen Klischees, um die Bewusstmachung der gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten und ihre Hinterfragung.
hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000