Missing Link
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Werden Sie zu Herzensforschern!
Geheimnisvoll beginnt die Forschungsreise in Kreuzberg. In einem Hinterhof sollen sich die Forschungswilligen mit Sonnenbrillen getarnt treffen. Der Guide ist allerdings unschwer zu erkennen: Er trägt als Hut einen Korb auf dem Kopf. Mit diesem Erkennungszeichen führt er die Versammelten in die ehemalige „Blindenanstalt“ in der Oranienstraße. Jeder wird jetzt hier in Gruppen zu acht Personen mit dem persönlichen Begleiter durch das Gebäude geführt. In jedem Raum erwartet die Neugierigen eine Performance, die den Blick für die Kleinigkeiten und Geheimnisse schärft.
In der Besen-Einzieherei lernt man dem Herzrhythmus der Stadt nachzuspüren. Mit den alten Besenbindermaschinen versuchen die Besucher den gemeinsamen Herzschlag zu finden und können hinterher die Früchte ihrer Arbeit bewundern: Vor der langen Fensterreihe, die auf die Oranienstraße hinausblickt, promenieren die verliebt gemachten Menschen vorbei.
In der Malerei hoch oben im Dachgeschoß sind aus etlichen, im Raum verteilten Lautsprechern die Zeugnisse davon zu hören, dass sich für die im Haus arbeitenden Behinderten das Aufsuchen des verliebten Herzschlag in Berlin nicht so einfach wie für die flanierenden Oranienstraßenbesucher gestaltet.
Dann geht es in den Hof. Ein Mann im Rollstuhl gibt nun das Kommando. Ran geht es an die Besen, die in einer Ecke stehen. In Schlangenlinien soll der Hof auf individuellen Wegen werden gefegt. Die anderen Gruppen, die sich in den oberen Stockwerken auf ihren Routen befinden, können derweil einen interessanten Blick auf eine skurrile Besen-Choreographie genießen.
Der nächste Besuch gilt dem Hauswirtschaftsraum. Hier erwarten die Besucher zwei Damen, die eine sorgsame Analyse ihrer Körperwerte vornehmen werden. Nachdem Karteikärtchen mit den Namen erstellt worden sind, ein Holzstäbchenabstrich der Haut genommen worden ist, rührt ihn die Assistentin mit ernster Miene unter Hinzufügen von Brausepulver in ein Wasserglas. Aus diesem Gemisch zieht nun die Kollegin exakte Schlüsse über die Menge der Blutkörperchen, der Stressanfälligkeit, der Hormone und des Haarwachstums. Versorgt mit guten Ratschlägen zur weiteren Gesundheitsvorsorge werden die Besucher herzlich verabschiedet.
In einem Flur in Stockwerk darunter liegen für alle Kopfhörer parat. Eine Collage von Stimmaufnahmen erzählt den Zuhörern nun vom täglichen Überlebenskampf als Behinderter. Leben und Sterben liegen dicht beieinander. Plötzliche Todesfälle gehören zur Erfahrungswelt dazu. Dennoch beginnt und schließt die Collage mit dem Ausruf: „Ich bin so glücklich!“
Die letzte Station führt in den Keller. Dort erwartet der Kellerforscher Erwin die Besucher und warnt: „Kopf einziehen!“ Mit Hilfe von selbst gedrehten Strohkreisen und weichen Bürsten erforscht er hier die Aura jedes einzelnen und streicht festgesetzte Energieströme frei.
Beim abschließenden Treff aller Forscher auf dem Hof kann man feststellen, dass viele verschiedene Routen durch die Forschungsanstalt möglich gewesen wären. Leider hat man auf der eigenen die Zeitreise verpasst und auch keinen Erdungspunkt auf den Schuh geklebt bekommen.
Doch wie gibt uns eine der Darstellerinnen mit auf den Weg: „Hören Sie nie auf zu forschen! Doch passen Sie dabei auf die Brennnesseln am Wegesrand auf!“
Birgit Schmalmack vom 3.8.09
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