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Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui-berlin

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
Knappheit an Moral und Widerständigkeit
In der Krise sei nicht nur eine Knappheit an Geld sondern auch an Moral zu beklagen, stellen gleich zu Beginn die Kafiol-Händler fest. Und die Krise ist da. Der Kafiol-Trust braucht dringend Geld und muss nach Partnern umsehen.
Da nützt es nichts, wenn man gute Miene zum bösen Spiel machen möchte und die Musik von „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ eine leichte Stimmung vorgaukeln will. Genau in dieser Phase sieht der Gauner Arturo Ui seine Stunde gekommen. Gemeinsam mit seinem Kumpanen Roma (Ahmad) nutzt er die Gutgläubigkeit der ehrenhaften Dogsborough aus, um an die Macht zu kommen. Was von Berthold Brecht 1941 zwar ins Chikagoer Mafiamilieu verlegt, aber eindeutig auf die Machtergreifung Hitlers und seine Benutzung Hindenburgs bezogen war, wird bei dem Obdachlosenensemble „Die Ratten 07“ zu einem Western. Mit großen Cowboy-Hüten schwingen sich die Männer (und Frauen) durch die angedeutete Saloontür, um dann bei Whiskey am Tresen die dunklen Geschäfte zu arrangieren.
Regisseur Gunter Seidler gibt seinen Laiendarstellern viel Raum um ihr Können zu zeigen. Sie schlüpfen zu 13 in 31 Rollen. Dazu reicht mitunter ein Hutwechsel. Seidler spart nicht mit Ideen. Ein Rühmann-Ständchen mit zwei Cheergirls gehört ebenso dazu, wie ein Shakespeare im Original zitierender Schauspieler, bei dem Ui Rhetorikstunden nimmt. Cowboys, die auf dem unsichtbaren Pferd hereinreiten ebenso wie ein Peitschen schwingender amerikanisch sprechender Reeder. Die Hinrichtung aufmüpfiger Ex-Freunde wird mit einem Filmausschnitt aus einem Schwarz-Weiß-Mafiafilm gezeigt, der auf eine schnell gespannte halbhohe weiße Leinwand projiziert wird.
Die Aufführung wird getragen von Dragan, dem Darsteller des Ui. Er zeigt, wie aus einem gelangweilten Kleinganoven langsam ein Führer wird, den der Glaube an seine Sache vorantreibt.
Am eindrucksvollsten zeigt die letzte Szene, die wieder die Leinwand zum Einsatz bringt, warum dieses Brechtstück stets aktuell bleiben wird: Hinter ihr tauchen nun die Gesichter der Chikagoer und Ciceroer Bürger auf. Sie sprechen über das Vorhaben Uis in ihren Städten für den nötigen „Schutz“ zu sorgen und halten dabei kleine blaue und rote Fähnchen in der Hand. Doch werden sie ihre Meinung auch noch sagen, wenn Ui später direkt hinter ihnen stehen und ihnen sagen wird: „Wählt frei, aber ihr wisst ja, wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.“? Kaum hat Ui seine Rede beendet, wedeln sie mit ihren Fähnchen. Doch dieses Mal sind sie weiß. Die Bürger ergeben sich widerstandslos und waschen ihre Hände dabei in Unschuld.
Birgit Schmalmack vom 31.7.09

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