Menschenfeind
Menschenfeind
Nieder mit der Plastikwelt
Laute Diskomusik wummert aus der Dachluke, als die zwei Männer auf das Hausdach klettern. Hier oben über den Dächern einer Großstadt ziehen sie sich von der lauten Partystimmung in der darunter liegenden Etage zurück, wo Celimene ein Fest für ihre Freunde gibt.
Alceste, der eine der Männer, ist in diese Celimene verliebt. Ausgerechnet auf diese umtriebige, von allen Männer umschwirrte Partymaus hat er es abgesehen. Sie scheint gar nicht zu ihm zu passen, denn der Schriftsteller hasst nichts so sehr wie Small Talk und leeres Partygeplänkel. Diese Speichelleckerei und Schleimerei ist ihm ein Gräuel. Dieser Plastikwelt, in der Celimene aber geradezu aufblüht, kann er nichts abgewinnen. Streit zwischen den beiden scheint vorprogrammiert. Alceste geht auch weiterem nicht aus dem Weg: Einer der Partybesucher fragt ihn nach seiner Meinung zu einem selbstverfassten Gedicht. Alceste sagt ihm schonungslos die Wahrheit, worauf dieser schwer beleidigt eine Hetzjagd gegen ihn lostritt. Auch der Prozess, den Alceste gerade führt, scheint nicht zu seinen Gunsten auszugehen. Doch Alceste gibt immer noch nicht auf: Mit Celimene will er zusammen auswandern. „Irgendwo gibt es sicherlich noch menschenleere Zonen“, stellt er ihr in Aussicht. Sie lacht ihn nur aus. Als sein Freund ihn kurz danach auf dem Hausdach sucht, ist es leer. Alcestes Leben so nah am Abgrund hat ihn in die Tiefe gezogen.
Das Winterhuder Fährhaus hat eine wunderbar aktuelle, spritzige Inszenierung von Molieres Menschenfeind hingelegt. Dazu trägt die Neufassung von Magnus Enzensberger ebenso bei wie das tolle, skurrile Bühnenbild und die gute Besetzung der Rollen.
Birgit Schmalmack vom 28.8.08
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