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Mea culpa

Mea culpa
Nicht schweigen
http://www.fr-online.de/home/wir-treffen-uns-in-der-einsamkeit/-/1472778/3024778/-/view/printVersion/-/index.html
http://www.merkur-online.de/nachrichten/kultur/mm-heftiger-jubel-christoph-schlingensiefs-mea-culpa-104708.html
http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=2558&Itemid=40
Die Krankheit nicht verschweigen. Ihr stattdessen viele Gesichter geben. Der Angst auf der Bühne öffentlich begegnen. Die Trauer in Töne fließen lassen. Dem Verlust Stimmen leihen. Das war die Art des Künstlers Schlingensief mit seiner Krebserkrankung umzugehen und sie zu verarbeiten. „Geh in den Krebs hinein, anstatt dass er in dich hineingeht!“, war sein Motto. Das macht dann auch Joachim Meyerhoff als sein Bühnenvertreter in „Mea Culpa“: Er steigt einfach in den aufklappbaren Pappmache-Krebs hinein. Um ein paar Rauchzeichen später wieder auszusteigen und lauthals: „Das ist doch Quatsch!“ zu verkünden.
Mea Culpa ist als Ready-Make-Oper angekündigt: eine gekonnte Mixtur aus Wagner, Bach, Gospel, Schlager, Nietzsche, Immendorf und Schlingensief. Seine eigene Parzival -Inszenierung in Bayreuth lässt ebenso grüßen wie sein Operndorf-Projekt in Afrika. Auf der Drehbühne steht ein bunt zusammen gewürfeltes Bühnendorf mit viel weißer Projektionsfläche fürs Schlingensief-Filmmaterial. Von der Decke hängt Schlingensiefs entfernter blutroter Lungenlappen.
Er blickt auf die Krankheit aus drei verschiedenen Perspektiven: aus dem Jenseits, von jenseits der Grenze, ins Jenseits. Im ersten Akt sucht er selbst (Meyerhoff) nebst Verlobter (Fritzi Haberlandt) Heilung bzw. Linderung in der Karikatur einer Wellness-Klinik. Das ist slapstickhaft angereichert mit allerlei Skurrilitäten: einer kleinwüchsigen Massageschwester, einer weihevollen Bischöfin, einer durchsetzungsfähigen Direktorin, klugschwätzenden Altpatienten und einem Guru im Rollstuhl. Der zweite Akt widmet sich den Rauschzuständen jenseits der Grenzen um im letzten Akt das Heil in Afrika zu suchen. Für Schlingensief bedeutete das die konkrete Arbeit am Bau des Operndorfes in Bukina Faso. Meyerhoff schleppt beständig das Modell des Opernhauses mit sich herum, um Spenden einzuwerben. Während er seinen wohlfeilen Vortrag über einen völlig gleichberechtigten Kulturaustausch hält, steht er allerdings unter einem Eingangsportal, das eher dem des Bayreuther Festspielhauses ähnelt.
„Mea Culpa“ verbindet lebenshungrigen Trotz mit ironisierender Leichtigkeit, tiefe Trauer mit distanziertem Witz, scharfe Gesellschaftskritik mit sympathische Selbstbezogenheit, provozierende Kunst mit banalem Alltag. Zuletzt singt die 81-jährige Elfriede Rezabek für Schlingensief von „Isoldes Liebestod“. Er genießt die wunderschönen Töne sichtlich gerührt, schleicht aber dann doch zur Bühne, zieht die roten Vorhänge über der zusammengesunkenen Sängerin sachte zu und murmelt: „Ich will noch nicht!“
Das Gastspiel in Hamburg des Wiener Burgtheaters fand genau zu Schlingensief Geburtstag statt. 50 Jahre wäre er geworden: der große, lebenssüchtige Künstler.
Birgit Schmalmack vom 26.10.10

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