Lust
Lust
Schärfste Putzkolonne Hamburgs
Putzfrauen auf der Reeperbahn sind etwas Besonderes. Das beweist Wittenbrink im St. Pauli Theater. Sie befreien nicht einfach den Table-Dance-Club von den Spuren der letzten Nacht, sondern sind auch äußerst musikalisch und tanzfreudig. Bisher vom Leben nicht allzu verwöhnt, bieten ihnen Rocksongs, Schnulzen und sogar Schubertlieder reichen Stoff zum Versinken in einer Welt der Fantasie. Sie hängen sie in den Räumlichkeiten, deren einziger Zweck das Vergnügen der Gäste sein soll, ihren eigenen Träumen und Sehnsüchten nach. „Ein Schiff wird kommen“ sinnen sie versonnen über ihren Pausenbroten.
Wittenbrink gibt den fünf Frauen fünf ganz eigene Persönlichkeiten, ohne dass dafür viele Worte nötig wären. Ihm reichen ihre schönen und ausdrucksstarken Stimmen, um ihre Gefühle deutlich zu machen. Die Frau mit dem breiten Hamburger Zungenschlag ziert ein dickes blaues Auge. Ihr Freund, dem sie es zu verdanken hat, hat sicher schon mal bessere Tage gesehen, doch er hatte einen entscheidenden Vorteil: „Er gehörte mal mir“. Die unschuldige, junge, gut gebaute Studentin (Anneke Schwabe) wollte sich mit dem Job als Tänzerin mal ganz verrucht vorkommen dürfen und landet nun in der Putzkolonne. Ihre beherzte Chefin und ehemalige Stripperin (Cordula Gerburg) zeigt ihr schnell, wo der Schrubber steht. Die russische, rassige Schönheit (Susanne Jansen) weiß Rat, als der albanische Kleinganove (Guido Zimmermann) Schuldgeld fordert: Sie ruft eben mal ihren Landmann Iwan an. Die spanische Putzfrau (Sabrina Ascubar) hat immer gute Laune und kann trällern wie eine Koloratursopranistin.
Männer kommen in dem Revier der Frauen nur am Rande vor. Unter dem Dance-Table haust ein philosophierender Penner, der ab und zu hervorkrabbelt und seinen Nietzsche zitiert oder die Chefin anhimmelt. Ansonsten öffnen nur ausgewiesene Machos die Kellertür zum Club. Der Traummann, der den Fünfen einen Weg aus dem Dreck des Kiezes weisen könnte, ist kaum darunter. So träumen sie einstweilen weiter. Und das Publikum folgt ihnen gerne auf dem Pfad der lustvollen Verführung der Musik. Ohne drei Zugaben lassen sie die Wittenbrink-Truppe nicht von der Bühne.
Birgit Schmalmack vom 18.7.06
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