Lange Nacht der Autoren-08
Lange Nacht der Autoren
Vier Stücke von jungen Autoren hatte der Juror Gerhard Jörder für die Lange Nacht der Autoren im Thalia Theater ausgesucht. Für eine interessante Mischung war am Freitag gesorgt. Es begann mit einem politisch engagierten Stück von Anne Habermehl „Das letzte Territorium“, in dem sich erste und dritte Welt zuerst im wohl gesicherten Umfeld des Urlaubs und später in der eigenen vier Wänden begegnen. Der Text stellt interessante Fragen, die aber in der gezeigten Strichfassung einer Werkstattinszenierung leider in den Ansätzen stecken bleiben.
Viel spannender war die zweite Aufführung: „Regen in Neukölln“ in der Regie von Hasko Weber. Autor Paul Brodowsky schuf mit einer klug beobachteten Personage eine Milieu-Stimmungs-Studie von Neukölln. Weber findet dafür wunderbare Bilder. Ella in ihrer pinkfarbenen Perücke erzählt die Stories ihres Lebens in ihrer Küche. Dass sie dabei für ihre eigene Beerdigung kocht, wird erst am Ende klar. Ihrer unbeholfenen Zufallsbekanntschaft Marten würde sie sich so gerne nähern. Wenn beide nur wüssten wie... Wenn der Taxifahrer auftaucht, reicht ihm ein plärrendes Transistorradio, dessen ausgezogene Antenne mit einem Fuchsschwanz verziert ist, um seine Fahrbereitschaft anzuzeigen. Das freche türkische Mädchen Hanife saust auf ihren Rollerblades selbstbewusst durch den brenzligen Neuköllner Alltag. Ihr Vater Ibrahim übt sich derweil in den verschiedensten Formen des Bettelns. Ein Fest für die Schauspieler, das sie spielfreudig ausnützen und das ihnen den Publikumspreis des Abends einbrachte.
„Birds“ von Juliane Kann dagegen konzentriert sich ganz auf die Liebes- und Beziehungsprobleme von vier Pubertierenden. Jannis und Jana sind zwei gut aussehende und selbstsichere Jugendliche. Ebenbürtig in jeder Hinsicht. Dennoch sucht Jana sich lieber Boris, den Jungen mit dem verkrüppelten Bein, als Freund aus. Janas Freundin, die stets im Schatten ihrer Kumpanin steht, outet sich derweil als lesbisch. In der Regie von Sascha Hawemann wird daraus eine poetische Aufführung. Die Idee statt eines Bühnenbaus (Anna Macholz) nur eine Reihe Einkaufswagen als Spielort zu wählen, erweist sich als genial. Zum Anfang sind sie wie die Jugendlichen aneinander gekettet. Zum Schluss, der ein Happy-End verweigert, stehen sie wahllos vereinzelt auf der Bühne herum. Dieses Stück wurde von der Jury zum besten Text der diesjährigen Autorentheatertage gekürt.
Das letzte Stück hätte diese Auszeichnung aber wohl auch verdienen können. „Lilly Link“ widmet sich dem schwindenden politischen Engagement der heutigen Jugend. Lilly ist mit ihren Freunden eine Ausnahme. Zwar erwuchsen ihre gemeinsamen politischen Aktionen eher aus einer Zufallsidee und wurden sogar lange Zeit von der Öffentlichkeit als Kunstperformance missinterpretiert, aber sie schenken Lilly genau die Identität, die ihr bis dahin noch fehlte. Doch die alten Zeiten der Gemeinsamkeiten sind vorbei. Lilly stapft als einzige in ihrem grünen Parka durch die Gegend, während die anderen in Amerika Karriere machen, eine Boutique eröffnet haben oder Angestellter bei der ARGE geworden sind. Einzig der Schluffi Manuel ist noch da. Notgedrungen zieht sie mit ihm zusammen. Der Text ist sprachlich pointiert, gesellschaftspolitisch ambitioniert und zugleich äußerst witzig. Eine Kombination, die bei deutschen Autoren eher selten anzutreffen ist. Von Autor Philipp Löhle möchte man gerne mehr auf deutschen Bühnen sehen. Und am liebsten in der ideenreichen Umsetzung einer Jorinde Dröse, die an der spielfreudigen Vorlage anscheinend auch ihren Spaß gehabt hat.
Birgit Schmalmack vom 9.6.08
hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000