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In einem Jahr mit 13 Monden

In einem Jahr mit 13 Monden
Nur ein Traum
Eine große unerfüllte Sehnsucht nach Nähe und nach Liebe bestimmte Erwins Leben. Schon im Waisenhaus heuchelte er Zufriedenheit, damit die Nonnen ihm Zuneigung schenkten. In der Beziehung mit Irene fand er nicht die erhoffte Erfüllung. Als er sich in den schillernden Unternehmer Anton Saitz verliebte, hoffte er auf mehr. Anton zuliebe wagte er einen radikalen Schritt: Er fuhr nach Casa Blanca und kam als Frau zurück. Ohne Erfolg: Anton zeigte auch an Elvira kein Interesse. Für eine Rückkehr zu Irene und Tochter Mariann war es danach zu spät. So blieb Elvira/Erwin in einem leeren Dazwischen einsam zurück.
Fassbinder verfolgte in seinem Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ die letzten fünf Tage im Leben von Elvira bis zu ihrem Selbstmord. In der Begegnung mit ihrer Vergangenheit wird der schleichende Zerfallsprozess bei seiner verzweifelten Suche nach Liebe deutlich. Bei der Umsetzung des Stoffes im Malersaal trifft sie im Ambiente einer in die Jahre gekommenen Einkaufsstraße weitere Suchende, die in kurzfristigem Spaß ihre Befriedigung suchen. Vor der verzehrenden Sehnsucht Elviras fliehen sie.
Zum Schluss wird auch Elvira in einem der Schaufenster als mediale Attraktion ausgestellt. Auf der Suche nach einem Gesprächspartner, der ihr aufmerksam zuhört, hatte sie ihre Geschichte einem Journalisten zur Verfügung gestellt.
Andreas Bode, der für seine außergewöhnlichen Opern-Inszenierungen auf Kampnagel bekannt geworden ist, hat auch für die Fassbinder-Vorlage einen musikalischen Zugang gewählt. Der A-Capella-Gesang der sechs Schauspieler gibt mit triefenden Schlagern, traurigen Volksliedern und besinnlicher Kirchenmusik Elviras Gefühlen Ausdruck und setzt zugleich einen interessanten Kontrast zum anonymen Ambiente des trüben, kulturfernen Kiezmilieus.
Dass der Abend so gut gelingt, liegt auch an Jürgen Uter, der Elvira unaufgeregt natürlich sein lässt. Ohne einen Hauch von Transengehabe, zeigt er ihre tiefe, beschiedene Verzweiflung, die ohne viel Aufhebens davon zu machen, an fehlender Nähe zugrunde geht. Auch die übrigen Darsteller (Jana Schulz, Marlen Dieckhoff, Monique Schwitters, Lukas Holzhausen und Lutz Salzmann), die mit wenigen Mitteln die Rollen wechseln, lassen die Inszenierung zu einem bedrückend guten Erlebnis werden.
Birgit Schmalmack vom 9.6.08

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