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Kurzkritiken zu WA-Nov

Kurzkritiken zu Wiederaufnahmen - November
Schauspielhaus
Die Dreigroschenoper
Der Mensch an sich ist schlecht
Eine öde Steinwüste ist die Erde, auf der die Menschen ihr Leben fristen müssen. In hautfarbenen Trikots ohne jede Verkleidung kommt ihre Natur gnadenlos zum Vorschein. Und die ist schlecht.
Bertold Brecht weiß warum: "Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral". Nur Gaunerei und Korruption füllt die Mägen.
Die Musiker sind Teil der Bühne und blasen mitunter den Schauspielern direkt den Marsch. Durch frei improvisierte Überleitungen wird Weills Musik intelligent weitergedacht. Regisseur Jarg Patakis gewinnt der Dreigroschenoper eine abstrakte, neue Sichtweise ab. Stilisiert nimmt er den Figuren zwar ihre Persönlichkeit, aber schenkt ihnen dafür eine artifizielle Universalität, die jedem folkloristischen Ansatz vor vornherein eine Absage erteilt. Tolle Inszenierung! (667)



Romeo und Julia
Die schuldige Masse
Der schwarze Bühnenkasten hebt sich. Eine blubbernde Ursuppe des Lebens wird sichtbar. Zahlreiche Leiber wabern in einer ununterscheidbaren Masse Mensch umeinander. Noch sind sie nicht die Vertreter zweier unterschiedlichen, verfeindeter Clans: der Montagues und der Capulets. Ein stummer Chor ist in der Inszenierung von Regisseur Klaus Schumacher Zuschauer, Kommentartor und Beschleuniger in einem. Die Masse wird so zum Mit-Schuldigen.
Diese feinen Kommentare verändern den Blick auf das berühmteste Liebespaar der Welt "Romeo und Julia", das frisch und herzerwärmend zugleich von Julia Nachtmann und Aleksandar Radenković gespielt wird. (554)

Thalia
Woyzeck
Aus dem Netz gefallen
Ein riesiges Netz ist quer über die Bühne gespannt. Es kann Woyzeck (Felix Knopp) und Marie (Maja Schöne) ein gemütliches Bett bereiten. Es kann ihnen einen Leiter zum Emporsteigen sein. Es kann sie aber auch durch das gesellschaftliche Raster fallen lassen. Bühnenbildner Florian Löscher hat mit der Regisseurin Jette Steckel eine wunderbar prägnante Ausdrucksform für Woyzecks Lage gefunden. Tom Waits Musik liefert dazu die passende düstere Stimmung.
"What’s the matter with love, when we all must die?" klagt Woyzeck nach seiner Tat. Schlaff hängen Maries Arme und Beine da schon durch die Maschen. Wunderbare Bilder, schöne melancholische Musik von Tom Waits, tolle Schauspieler: Thalia at his best! (597)

Große Freiheit Nr. 7
Ohne Seemannsgarn
Keine Spur von Seefahrerromantik: Nur große, funktionelle Lagergerüste stehen auf der leeren, schwarzen Bühne. Bilder des Hamburger Hafens sind nur noch eine undeutliche Projektion auf die weißen Kartons, die unter die Gerüste gestapelt sind. Wie versprengte Einzelwesen strolchen die Personen im Dunkeln zwischen den Gerüststangen umher. Einzig Hannes (Matthias Leja) bleibt außen vor: Er sitzt stoisch auf seinem Barhocker vor dem Mikro: der singende Seemann ohne Schiff. Perceval nutzt seine Inszenierung zur Versachlichung des Hamburger Hafen-Images: Hannes Liebeswerben besteht aus den neuesten Fakten über die Technik und die Wirtschaft der heutigen Umschlagmetropole. Wer den Film mit Hans Albers auf der Bühne des Thalia Theaters sucht, wird enttäuscht sein. Alle Anderen dürfen sich durch eine zeitgemäße Übertragung der Hamburg-Saga anregen lassen. (755)

Peer Gynt
Träume von Pappe
Einen riesigen Vorrat an Träumen hat Peer Gynt. Dass sie eher von Pappe sind, davon zeugt der Kubus aus lauter Speditionskartons auf der Bühne. Als chronischer Lügner erspinnt er sich die Welt gern nach seinen Wünschen. Seine Suche nach Selbstverwirklichung wird ihn dabei bis an das Ende der Welt führen. Wie eine Zwiebel häutet er sich mit jeder Erfahrung Schicht um Schicht. Mit jedem Reiseschritt brechen auch weitere Schichten des auf der Bühne stehenden Pappkartonhauses heraus. Wie Peers Seelenzwiebel ist es im Inneren leer. Die erste Hälfte des fast vierstündigen Roadtheatre von Jan Bosse im Thalia Theater weiß zu faszinieren. Doch in der zunehmenden und absehbaren Vergeblichkeit von Peers Suche mischt sich der Wunsch nach dem erkenntnisreicheren Ende der Reise.
Ein hervorragend besetztes Ensemble mit einem sich verausgabenden Jens Harzer in der Titelrolle macht die Inszenierung trotz einiger Längen zu einem spannenden Theaterabend. (798)

Kammerspiele
Sauerkrautpoet
Elling
In seinem Erholungsurlaub im „Kurzentrum Broynes“, wie er die psychiatrische Klinik nennt, hat Elling Kjell Bjarne kennen gelernt. Nun haben sie gemeinsam eine eigene Wohnung von der Stadt Oslo bekommen. Elling will sie am liebsten gar nicht mehr verlassen. Er fühlt sich mit vorgebundener Schürze am wohlsten. Kjell Bjarne denkt derweil nur an eines: Wie er möglichst schnell eine Frau kennen lernen kann. Dazu nimmt er auch die außerhäusigen Aktivitäten in Kauf.
Michael Bogdanov hat zwei wunderbare Darsteller für die beiden Hauptpersonen gefunden. Boris Aljinovic zeigt einen sensiblen, feinfühligen, pedantischen und liebenswerten Autisten. Sein Gegenpol Peter Thiess zeigt Kjell als tollpatschigen, grundehrlichen, zupackenden Teddybär. Eine umjubelte, liebevolle Inszenierung des Romans „Blutsbrüder“ . (698)



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