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Knock out

Knock out
Beim Verhältnis von Täter und Opfer scheinen die Machtpositionen klar verteilt zu sein. Dass Terroristen Täter sind, scheint ebenso selbstverständlich zu sein. Die Getöteten ihrer Terrorakte sind selbstredend die Opfer. Doch nicht erst nach dem 11. September ist die Frage nach dem Entstehungsprozess ihrer Motive der Täter von lebenswichtigem Interesse geworden. Auch schon in den Siebzigern, als die RAF ihre Taten sprechen ließ, beschäftigte sie die BRD.
Genau diesen Machtstrukturen widmet sich der Text von Katharina Schmitt, den sie im Auftrag des Theaterhauses Jena geschrieben hat. Als Ausgangsmotive hat sie sich dabei dem Bilder-Zyklus von Gerhard Richter nach Fotoaufnahmen der RAF genommen. In neun Szenen spürt sie den verschiedenen Ausformungen von Macht und Ohnmacht nach. Immer gibt es einen scheinbar Überlegenen, der den Unterlegenen seine Hilflosigkeit und sein Ausgeliefertsein spüren lässt. Manchmal verschiebt sich das Machtgefälle noch innerhalb einer Szene, manchmal braucht es dafür den Kontrast der nächsten Episode. So zeichnet Schmitt eine Verbindungslinie von Kinderspielen wie Räuber und Gendarm zum späteren gelebten Verständnis von der Unverzichtbarkeit des klaren Obens und Untens. Sie zeigt aber auch die Abhängigkeit des Täters von seinem Opfer: In einer Szene fleht die Terroristin ihr Opfer an, das sie lange Zeit gefangen gehalten hat, sie bei der Gegenüberstellung zu erkennen. Ohne eine klare Identifizierung kann sie ihrem Ziel einer Heldin nicht näher kommen. Auch der schwerreiche Unternehmensboss, der einem Terroranschlag zum Opfer fällt, wird aus dem Blickwinkel seiner Witwe aus der Opferrolle herausgeholt. Wer seit Jahren von Leibwächtern umgeben seinen Alltag bestreitet, sei kein unvorbereitetes Opfer, sondern habe sich klar für seine Rolle entschieden.
Regisseur Heiko Kalmbach wählt einen multimedialen Zugang. Der graue Betonkasten auf der Bühne zeigt mit Schriftbändern zum Anfang jeder Szene die Kapitelüberschrift, die direkt mit dem Bilderzyklus von Richter korrespondiert. Mitunter sind die zwei Darsteller (Zoe Hutmacher, Gunnar Titzmann) nun mittelbar zu sehen und zu hören. Eine Webcam wirft die live aufgenommenen Bilder auf die kahlen Wände. Laute Beats unterbrechen die neun Episoden. Die Laborsituation des Textes macht es für die beiden Schauspieler schwer, Betroffenheit zu erzeugen. So bleibt der Zuschauer in einer distanzierten Betrachtungshaltung. Kalmbach vertraut leider in seiner Umsetzung zu oft auf die lauten Töne. Schreie, Schüsse, Schläge übertönen oft die leiseren Momente, die die Vielschichtigkeit Schmitts Vorlage noch besser zur Geltung gebracht hätten.
Birgit Schmalmack vom 9.6.08

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