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Kaspar Häuser Meer

Kaspar Häuser Meer
Björn-Out
Ein Holzkasten steht auf der ansonsten leeren Bühne. Das Licht geht aus, ein paar harte Beats ertönen und mit einem lauten Knall fällt die vordere Wand des Kastens zu Boden. Sichtbar werden drei adrett in 60ziger-Jahre-Kleidern gekleidete Frauen. Schon fängt die eine der „Netten Tanten vom Amt“ an zu erzählen: Wie sie schon zum vierten Mal vor Frau Schmidts Tür gestanden hätte und nicht hineingelassen worden wäre. Die zweite fällt ihr ins Wort: Der Termin für die nächste Teamsitzung müsse verschoben werden. Die dritte schaltet sich ein: Was wollten sie im Fall Björn unternehmen?
Kaum ein Satz der drei Frauen wird vollständig bis zu Ende geführt. Schon drängt der nächste Fall der Kollegin zur Unterbrechung. Muss hier das Amt einschreiten? Ist hier das Kindeswohl gefährdet? Dabei steht der Fall „Björn“ ihnen wie ein warnendes Beispiel stets vor Augen. Björn war bis vor zwei Wochen ihr Kollege. Unter der Arbeitslast ist er zusammen gebrochen. Nun werden sie auch noch seine Fälle mit übernehmen müssen. Wo bleibt da das eigene Leben, die Freizeit, die Entspannung und schließlich auch die Verantwortung für die eigenen Kinder? Besonders die jüngste der Kolleginnen hat unter dieser Frage zu leiden: Zu wenig Zeit kann sie für ihre kleine Tochter erübrigen, so dass die Kindergärtnerinnen eine Eingabe ans Jugendamt gemacht haben...
Zerrieben werden die Sozialarbeiterinnen zwischen ihrem eigenen Anspruch, den kleinen „Wutzels“ zu helfen, den Kostenvorgaben der Leitungsebene, den bürokratischen Vorschriften, den Erwartungen der Gesellschaft und denen der Eltern. Unter immer stärkerer Beobachtung durch die Medien werden ihre Schuld- und Angstgefühle nicht kleiner. Doch wenn die Überwachungsambitionen des Amtes wieder wachsen, schwindet das Vertrauen der Eltern.
Felicitas Zeller ist mit ihrer durchkomponierten Sprachoper über den Alltag im Jugendamt ein Coup gelungen: Ohne je in die Nähe von Betroffenheitskitsch zu geraten, lässt sie die Verzweiflung, Überforderung und Hilflosigkeit spüren, die sich jenseits von Aktenordnern im Amt abspielt. Regisseur Marcus Lobbers hat den Text mit den drei hervorragenden Schauspielerinnen Rebecca Klingenberg, Bettina Grahs und Britta Hammelstein kongenial in Szene gesetzt. In unglaublichem Tempo lässt er die Textmassen ineinander scratchen. Wenn die Eltern z. B. mit „Ich bring mich sofort um, ey, wenn ihr mir die Kinder wegnehmt, ey“ zitiert werden, fallen die Drei dagegen in einen chorischen Singsang. Der Kontrast zwischen der Gehetztheit der Sozialarbeiterinnen und der Antriebslosigkeit der Eltern könnte nicht größer sein. Immer laufen sie der Zeit hinterher. Wenn sie eingeschaltet werden, sind die Probleme meist schon zu groß zur Bearbeitung. Diese Realität steht im krassen Gegensatz zum romantischen Impetus der langhaarigen Sängers, der auf dem Fernsehbildschirm rechts neben dem Kasten zu sehen ist. Er singt einen „Sozialarbeiter-Song“ aus den Siebzigern. Heute dagegen hetzen die drei Frauen die Flure und Räume der Häuser ihrer Klienten entlang. Genau wie in den Computerbildern, die in den kurzen Pausen zwischen den Szenen auf die gelben Kastenwände projiziert werden. Sie entpuppen sich zum Schluss als Szenen aus einem PC-Spiel, in dem Menschen in Häusern aufgespürt und erschossen werden.
Birgit Schmalmack vom 2.6.08

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