Kaltstart
Kaltstart
Sprung ins kalte Wasser – Heißes Programm
Gleich der erste Tag des Festivals „Kaltstart“ im neuen Kulturhaus 73 auf der Schanze hatte es in sich. Er lieferte bis weit nach Mitternacht ein volles Programm, das bei den Temperaturen, die dem Namen des Festivals nun so gar nicht entsprachen, Schauspieler und Zuschauer zum Schwitzen brachten. Dennoch waren die Veranstaltungen (Lesungen, Theater, Hörspiele und Konzerte) so gut gesucht, dass immer wieder Bierkästen als zusätzliche Sitzgelegenheiten herangeschafft werden mussten.
Im Schnelldurchlauf sprintete das Schauspielerduo Gisela Aderhold und Moritz Tittel aus Hildesheim durch den „Ring der Nibelungen“. Ein Diaprojektor, ein Tisch, zwei Stühle und ein paar Puppen reichen ihnen um das dramatische Geschehen um Kriemhild, Siegried, Hagen und den verschwundenen Schatz auf vergnügliche eineinhalb Stunden einzudampfen. Wer hat Recht? Kriemhild, die behauptet, dass Hagen der heimtückische Mörder ihres Mannes Siegfried und Räuber des Schatzes ist? Oder Hagen, der glaubt, nur als treuer Diener seinen Auftrag ausgeführt zu haben? Nach Herzenslust streiten die Beiden über ihre ganz persönliche Sicht der Geschehnisse und machen das Publikum zum Richter ihrer beider Wahrheiten.
„Glenn Gould“ war das Thema des Inszenierung von Gero Vierhoff, das im kleinen Anbau des Kulturhauses seine Premiere hatte. Dieser Musiker, der Künstler verachtete, verschrieb sich mit Haut und Haaren der Musik. „Ein Pianist spielt nicht mit den Händen sondern mit dem Kopf“, war stets seine Meinung. Er sezierte die Musik, analysierte und perfektionierte sie. Er hasste Konzerte. Der Kontakt mit dem Publikum war ihm zuwider. Lieber begab er sich ins Tonstudio und feilte solange an den Aufnahmen, bis sie seinen Ansprüchen genügten. Dieser Künstlerpersönlichkeit spürte der Regisseur Vierhoff in seinem Monolog nach. Der schlaksige Schauspieler Nico Delpy kriecht in seine Figur förmlich hinein. Wenn er dann zu knarzenden Originalaufnahmen von Gould über die Bühne springt und ihr mit jeder Phase seines Körpers Ausdruck verleiht, zeigt er ein Stück des sorgsam verborgenen Innenlebens Goulds.
Reines Vergnügen lieferten die drei Pontominenkünstler der Folkwang Schule Essen. In ihren drei Soli erzählen sie amüsante Geschichten. Oda Zuschneid benötigt keine Worte, um ihre Nöte im Großstadtgewimmel zu schildern, die den Zuschauern bekannt vorkamen. Den Zug erreicht man nur mit knapper Not. Der Fahrkartenautomat spuckt nur immer wieder das Geld aber kein Ticket aus. Und der Kontrolleur gönnt einem keine ruhige Minute während der nun folgenden Fahrt. Charles Toulouse gerät als Major in einen lebensbedrohlichen Dialog mit seiner Dienstwaffe, die anscheinend über einen eigenen Willen verfügt. Maximillian Merker stand in der Gunst des Publikums ganz oben, als er seine Anekdote von einem Frisör in Marrakesch erzählt, der in heißer Liebe für seine Angebetete entbrannt und alles riskiert. Er springt dabei so versiert von einer Rolle in die andere, dass er im Alleingang einen ganzen Film inklusive Abspann erzählen kann.
Zwei Stücke wurden im Laufe des Festivals gezeigt, die weit mehr waren als kleine Appetithäppchen. Die erste von ihnen ist schon im Rahmen des „Stapellaufs“ auf Kampnagel und des „Finales 06“ im Malersaals gezeigt worden: die Umsetzung von „Käthchens von Heilbronn“ von Frederike Czeloth. Sie hatte das Glück für ihre fetzige, einfallsreiche Inszenierung einen so herausragenden Schauspieler wie Guido Lambrecht gewinnen zu können. Mit seiner unbedingten Spielwut prägt er die Aufführung. Als Graf Wetter vom Strahl verfällt ihm das junge Käthchen von Heilbronn (Lisa Grosche). Doch der welterfahrene Mann findet ihre völlige Hingabe eher lächerlich. Zunächst treiben ihn seine männlichen Triebe in die Hände der attraktiven und gerissenen Gräfin Kunigunde (Carolin Eichhorst). Doch die Unbeirrbarkeit des gläubigen Käthchens zahlt sich aus: Er erkennt, dass Liebe doch aus mehr als aus der Befriedigung der Lust besteht. Czeloth rückt ihren Figuren auf den Leib und scheut sich nicht, deutliche Bilder zu benutzen. Während der Graf mit Kunigunde flirtet und auf seiner Burg aus einen Stahlgerüsttangen herumspringt, streift er - ganz Mann der Tat - seine Hose ab und lässt unter seinem Oberhemd herumbaumeln, was er der Umworbenen zu bieten hätte. Die stolze Kunigunde muss nach ihrer Niederlage in den auf dem Fußboden verstreuten Holzspänen herumwühlen. Einzig das Käthchen bleibt sauber und unberührt. Ihr stehen sogar leibhaftige Engel zur Seite, um sie vor Unglück und Tod zu beschützen. Auch in den beschränkten räumlichen Möglichkeiten des Haus 73 versprüht diese Inszenierung noch jede Menge Charme und Witz.
Die zweite herausragende Arbeit war am Sonnabend zu sehen: „Die Vaterlosen“ nach Tschechow. Eva-Maria Baumeister aus Berlin zeigte eine amüsierlustige, eventgeile Partygesellschaft, die einfach nur Spaß haben will. Bloß um der Langeweile und der Leere zu entgehen, projizieren sie all ihre Wünsche nach Inhalten ausrechnet in die Gestalt des Nihilisten Platanov (Florian Hänsel). Seinen Zynismus halten sie für Intelligenz, die über ihr ödes Dasein hinweg zu weisen scheint. Er sonnt sich gerne in ihrer Anbetung, kann aber ihre Erwartungen ebenso wenig erfüllen wie seine Wünsche an sein eigenes Dasein. Eine kluge Arbeit .
Der Sprung der Festivalmacher ins kalte Wasser hat sich gelohnt. Das Haus auf der Schanze hat sich schon im Rohzustand zu einer interessanten Adresse für innovative, mutige Kulturarbeit empfohlen.
Birgit Schmalmack vom 24.7.06
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