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Judasevangelium Judas habe Jesus verraten

«Judasevangelium oder Verrat ist deine Passion»
Religiöse Egoismen
Eine heruntergekommene, ärmliche Wohnung ist das Quartier der Schauspielertruppe um den Regisseur Jonas P. Lang (Tilo Werner) geworden. Sie hausen mit dessen Mutter (Lili Morton) und Vater. Sie besetzen Bad, Küche und Wohnstube. In alle Räume folgt ihnen der Zuschauer auf der dreigeteilten Bühne plus dazugehörigem Zuschauerraum. In die jeweils anderen hat er durch Kameras und Bildschirme Einblick. Hier eröffnet Jonas seinem Ensemble, dass das Ende ihrer gemeinsamen Arbeit gekommen sei. Er sei es leid, von ihnen ausgesaugt zu werden.
Der ungarische Regisseurs Kornél Mundrczó spielt gleich in mehrfacher Hinsicht mit den Ebenen und Erwartungen. Eine Schauspielertruppe spielt Schauspieler. Ihr Regisseur fordert Persönliches, Wahrhaftiges von ihnen. Ihre nun folgenden Gefühlsaubrüche erlebt der Zuschauer in unmittelbarer Nähe auf den Zimmerbühnen. Ein Beweis der Echtheit? Doch dann schaltet sich die Kamera ein. Die Schwarz-Weiß-Bilder des Geschehens schaffen Distanz und wirken dennoch wie Doku-Aufnahmen. Es kommt zu Actionszenen, in denen der Vater durch die Hand eines Eindringlings zu Tode kommt. Die Theaterblutblasen platzen dabei im Sekundentakt. Auch der Titel weckt Erwartungen. Das kürzlich entdeckte Judasevangelium behauptet, dass Judas Jesus nur verraten habe, weil das der göttliche Plan so vorsah. Wer wird hier bei Mundrczó zum Erfüllungsgehilfen Gottes? Etwa die Freundin des Regisseurs, die ihn wegen der angeblichen Ermordung seines Vaters an die Polizei verrät? Und steht der Regisseur dann selbst in seiner Mission in der Nachfolge Jesu? Oder geht es eher um die Frage des Verrates oder der Übernahme von Schuld? Steht hier nicht statt der Errettung der Welt sondern vielmehr die der eigenen Person im Mittelpunkt?

Mundrczó geht neue beklemmende Wege fürs Theater. Er wagt Grenzen zu überschreiten und den Zuschauer bedrückend nahe zu kommen. Er provoziert mehr Fragen als er mögliche Antworten gibt. Eine interessante Arbeit, die einen nicht unberührt aus dem Theater gehen lässt.
Birgit Schmalmack vom 20.10.09

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