Freischwimme1
Freischwimmer-2008
Fräulein Wunder AG
Das Ziel des Rauschprojektes der Fräulein Wunder AG ist klar: Es soll den fünf Frauen und ihrer männlichen Muse neue umfassende Kenntnisse über mögliche Rauschphänomene geben. Sie haben auch keine Mühe gescheut, um sich diese umfassend anzueignen und bei den „Freischwimmern“ dem Publikum weiter zu geben. Literatur wurde gelesen, Rauschexperten befragt, Kilometer im lila Cabrio auch unter widrigsten Wetterbedingungen hinter sich gebracht und möglichst viele eigene Erfahrungen in Sachen Rauschzuständen gemacht. Davon berichten sie ziemlich freizügig in der K1. Wer mit der Muse Malte in sexuelle Rauschzustände entschwebt ist, gehört ebenso auf die Bühne bzw. die Filmprojektionswand wie die Variationsbreite von Psychopharmaka, die eine der Performerinnen sich gern in ihren Wodka mixt. Auch dass Ann noch solo ist und dringend eine Besetzung zum Erreichen liebestoller Rauschzustände sucht, wird verraten.
Mit viel Selbstironie, Offenheit und Erkenntnisdrang gehen die Sechs zu Werke. Ihr Präsentationsraum ist die K1, die mit weißen rollbaren Podesten, zwei Frisörhauben und einer PC-Station ausgestattet ist. Dass sie auch voyeuristische Bedürfnisse befriedigen wollen, zeigen die Kostüme: Stöckelschuhe, Hotpants und Corsage für alle sind Pflicht. Ihnen bei ihrer einstündigen Suche nach Erfahrungen zu zuschauen ist kurzweilig und zudem nicht ohne Informationsgehalt. Oder sollte es jedem bekannt gewesen sein, dass außer Alkohol, Parties, Drogen, Swingerclubbesuche auch Schmerzworkshops, Lachkurse oder Sufi-Trance mit dem nötigen Kick versorgen können?
Birgit Schmalmack vom 20.5.08
High definition
Der Avatarismus der Gegenwart auf der Bühne
Wie in einem Wartezimmer des Lebens sitzen Anne, Philipp und Sebastian auf den blauen Plastikstühlen. Ab und zu blättert einer in den herumliegenden Zeitschriften. Dann beginnt Anne in atemberaubendem Tempo ihre Geschäftsphilosophie der sensiblen Effizienz als allumfassendes Selbstmarketingkonzeptes zu erläutern. Als selbstständige Unternehmensberaterin ist sie die Vertreterin ihres eigenen Produktes. Da mag ihr Gegenüber Philipp nicht zurückstehen. Über seinen Berufszweig, die Wirtschaftsjuristerei, hat er weniger zu erzählen, aber umso mehr über sein Freizeitbeschäftigung: Als bekennender Hooligan, der an geilen Fights interessiert ist, liegt ihm die Bearbeitung bestimmter Vorurteile am Herzen. Sebastian dagegen bleibt stumm und reglos. Obwohl Tänzer von Beruf, ist seine Bewegungsfreiheit stark eingegrenzt: Er ist eine Stoffpuppe, die von Fäden fremdbestimmt geführt wird. Das geschieht meist durch die beiden freundlich lächelnden Stewardessen, die sich ansonsten mit feinsinnigen, ironischen gesungenen Kommentaren dezent Gehör verschaffen.
Je länger und je mehr Anne und Philipp ihrer Selbstdarstellung frönen, desto klarer wird, dass ihre Sicherheit nur vorgeblich ist. Annes rekrutiert sich hauptsächlich durch ein perfekt gestyltes Outfit und dauernde Fokussierung auf Leistung. Philipps Selbstbewusstsein braucht den Rückhalt der Gruppe und seine Mannes- und Kampfeskraft. Andere männliche Konzepte wie die des Tänzers bringen seine Fassade schnell zum Einstürzen und provozieren ihn sofort zum Draufschlagen.
War die Personenentwicklung bis hierin stringent, so splittern ab dem nächsten Black die Figuren auf: Anne kehrt mal als Macht versessene Elizabeth von England, mal als erfolgsverwöhnte Diva, mal als Fee und zum Schluss als Barrikaden bauende Revolutionärin zurück. Auch Philipp entdeckt an sich neue Seiten: den Schauspieler oder den orientierungslosen Hedonisten.
Regisseurin Marlin de Haan will mit „High definition“ interessante Fragen in den Raum stellen: Sind unsere Biographien, Weltvorstellungen nur aus Versatzstücken konsumierter Ideologien zusammengestückelt? Wie viel Originalität dürfen wir unserer Individualität eigentlich noch zubilligen? Mimen wir auch im First Life nur unseren Avatarß Dass der Text von Axel von Ernst sich dabei oft des Mittels der Zitate bedient, erscheint nur logisch. Der Eindruck der Inszenierung entwickelt sich adäquat zu These des Avatarismus. Die Reizüberflutung des überbordenden Inputs erschwert naturgemäß klare Fokussierungen im Leben wie auf der Bühne.
Birgit Schmalmack vom 21.5.08
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