Draußen vor der Tür
Draußen vor der Tür
Ein schlechter Witz, den der Krieg geschrieben
Über der schwarzen leeren Bühne schwebt ein riesiger Spiegel, der das sich drehende Bühnenrund in die Senkrechte wirft. Beckmann (Felix Knopp) steht einsam am Bühnenrand und klammert sich hilfesuchend an das Mikro. Ein alter Mann (Barbara Nüsse) schlurft langsam heran. Er beobachtet einen Selbstmörder am Hafenrand der Elbe und versucht ihn rufend zum Bleiben zu bewegen – vergeblich. Beckmann springt.
Beckmann war zurückgekehrt. Nach dem Krieg war er nach Hamburg zurückgekommen. Doch nicht nur er war ein Anderer geworden, sondern auch die zurückgelassene Welt hatte sich verändert.
In der Wohnung seiner Eltern wohnten jetzt fremde Leute, in dem Bett seiner Frau schlief ein fremder Mann. Beckmann findet eine Welt vor, in der er keinen Platz mehr hat.
Die Verantwortung, die er im Krieg übernehmen musste, lässt ihn keine Nacht mehr schlafen. Ein Alptraum, in dem ein Militär auf Leichenteilen Xylophon spielt, lässt ihn jede Nacht aufschrecken. Todmüde kommt er zu seinem früheren Oberst, der ihn von seiner Verantwortung befreien soll. Doch der hat nur zwei Ratschläge für ihn: Gleichmütig, laut schmatzend rät er ihm, doch erstmal wieder ein Mensch zu werden, indem er sich wasche, rasiere und neue Kleidung anziehe. Danach solle er es doch mal beim Zirkus versuchen.
Als Kostprobe liefert er dem Theaterdirektor in einem Schweinwerferkegel auf dem Boden liegend, stetig um sich selbst kreisend einen leise wimmernden Song. Nur der Spiegel wirft ihn als erleuchtete Drehscheibe an die Bühnenrückwand. Der Direktor weiß viel zu gut, dass das Publikum nur gekitzelt, aber nie gekniffen werden will. Auch als Bühnenkünstler ist Beckmann fehl am Platze.
Unter dem Spiegel kriechen, krabbeln, schreiten immer wieder sechs Darsteller mit Down-Syndrom aus dem Eisenhans-Ensemble hindurch – in Kinderkleidern, in Anzügen, in Uniformen. Sie kontrastieren die Düsternis mit unschuldiger Energie. In fast allen weiteren Rollen ist Barbara Nüsse sehen. Als alter Mann, als Beerdigungsunternehmer, als Oberst, als Theaterdirektor, als neue Wohnungsinhaberin, als junge Frau – immer begegnet Beckmann nur ihr. Knopps Band „The darkest star“ sitzt verdeckt auf der Bühne, nur ihre Spiegelung lässt sie sichtbar werden. Während Felix Knopp seinen Lebensschmerz hinausschreit, schwitzt und rockt, ist Nüsse zart, leise, fragend, andeutend und behutsam. Die Musik lässt derweil kalte Schauer den Rücken herunter laufen.
„Gott, du bist zu leise geworden“, meint Nüsse im Verlauf des Abends. Das Gedröhne der Welt ist dagegen viel zu laut geworden. Ein gefühlsstarker Abend, mit dem Regisseur Luk Perceval trotz Texttreue zu Wolfgang Borcherts Originalstück weniger an die Verstandesebene als vielmehr an den Bauch und das Herz appellierte.
Birgit Schmalmack vom 7.4.11
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