Baumeister Solness
Baumeister Solness
Nichts wirklich gebaut, nichts geopfert. Das ist die Bilanz von Solness in den letzten Minuten seines Lebens. Martin Kusej stellt sie ganz an den Anfang seiner Inszenierung von „Baumeister Solness“ im Schauspielhaus. Solness (Werner Wölbern) schwebt im grellen Scheinwerferlicht hoch über den vielen kleinen weißen Baukastenhäusern, die die Bühne unter ihn bedecken. Durch den Brand in dem Elternhaus seiner Frau kam er zu Bauland und als Bauunternehmer zu seiner Karriere. Doch seine Frau litt unter dem Verlust ihres Zuhause so sehr, dass kleinen Zwillingssöhne starben. Solness fühlt sich schuldig.
„Du musst ein glücklicher Mann sein“, meint die 22-jährige Hilde zu ihm. 10 Jahre nachdem er sich an der kleinen unschuldigen „Prinzessin“ vergangen hat, ist sie gekommen, um die Gegenleistung einzufordern. Keck versteckt sie in kurzen Hotpants ihre eindringlichen Forderungen hinter einer anhimmelnden Ergebenheit des berühmten Baumeisters. Doch sie weiß genau wie Solness, was sie will. Und sie will sich nicht von einem möglichen schlechten Gewissen davon abhalten lassen. Solness, der sich von solchen Hindernissen anderen Menschen ebenfalls gern entledigt, öffnet sich diesem jungen Mädchen mehr als sonst einem Menschen gegenüber. Selbst seiner pflichtbewusste Frau Aline (Ute Hannig) gewährt er keine solchen Einblicke in sein Innenleben. Diese versteckt sich seit ihren Verlusterfahrungen hinter einer strengen Fassade des Pflichtbewusstseins. Mitleid und Anrührungen seitens ihres Mannes sind darin nicht vorgesehen. So sucht und findet Solness Leidenschaft bei anderen Frauen. Zuerst ist es Kaja (Julia Nachtmann), seinem blonden Buchhalterinnentraum, die allzeit bereit steht. Schnell ist sie vergessen, als die wildere, offensivere Hilde auf den Plan tritt. Sie treibt Solness vor sich her und zuletzt auf den neu erbauten Turm – wohl wissend, dass er unter Höhenschwindel leidet.
In der letzten Szene stehen alle Personen auf den Baukästen und beschreiben Solness Aufstieg. Das Ende ist schon vorweggenommen. Solness liegt während ihrer Beschreibung bereits tot auf einem der Bürotische. Sein Todesengel hat ihn zu hoch hinauf getrieben.
Birgit Schmalmack vom 24.09.10
hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000