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Zwei Stücke

Zwei Stücke

Die zwei Stücke des zweitletzten Abend des Dancekiosk hatten ein Element gemeinsam: Als Material zur Bühnenausstattung hatten beide Choreographinnen eine Folie gewählt. Wenn auch zu höchst unterschiedlichen Zwecken: Bei Victoria Hauke wird sie zu einem Mittel der bildnerischen Kunst. Auf der an der Rückseite aufgespannten Folie hinterlässt sie ihre Spuren während ihrer Suche nach dem Ausdruck von Gefühl und Sinnlichkeit, dem sie mit ihrem „Catch22SoloA“ nachzuspüren versucht. Sie benutzt dazu die Strukturen Raum und Zeit. Immer neue Positionen nimmt sie für ihre Gefühls- und Bewegungserkundungen ein. Zeit gibt sie sich jeweils dafür selbst durch Play und Stopp der Musik. Ergründen will sie dabei Ursache und Wirkung. Erzeugt die Musik eine Atmosphäre und bestimmt daher die Gefühle und den dementsprechenden Tanzausdruck oder ist es eher umgekehrt? Welcher Einfluss spielt die Zeit bei dieser Testreihe? Eine reife Tanzleistung, die zum Nachdenken anregte und neue Wege aufzeigte.
Auch die junge Tänzerin Isabella Lebioda, die im Sprechwerk ihre erste Choreographie „Ich und das“ zum Thema „Familie“ vorstellte, konnte überzeugen. Bei ihr teilte die Folie den Bühnenraum quer und trennte die beiden Tänzerinnen (Lebioda und Lena Nachtigall) voneinander, die zunächst in ihrem eigenen, weißen Kreidekreis blieben. Noch waren sie auf ganz auf sich bezogen und verweigerten sich dem Kontakt mit dem Gegenüber. Die Schutzfolie „Familie“ umgab sie noch und behinderte die freie, unvoreingenommene Sicht auf die Welt. Die vorangestellten Videoeinspielungen zeigten sowohl verwackelte Kindheits-Homevideos wie auch Meinungen von Jung und Alt zum Thema. Im Laufe des Stückes wird die trennende Folie zerschnitten und die beiden Tänzerinnen nehmen zaghaften Kontakt zur Anderen auf. Zum Schluss ist Lebioda wieder in ihrem Kreis angekommen, jetzt ganz ohne Schutzhülle. War Nachtigall gerade noch bei ihr, dreht sich diese nun um und geht. Währenddessen ist eine letzte Interviewaussage zu hören: „Zuverlässigkeit ist das Wichtigste.“ Wer sich hinauswagt ins Leben, geht auch das Risiko ein verletzt zu werden.
Birgit Schmalmack vom 17.8.07

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