Wenn ihr euch totschlagt
Wenn ihr euch totschlagt
„Genie ist die angeborene Gemütsanlage, durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt.“ So tönt es aus dem Lautsprecher, auf dem Getskard mit triumphierendem Grinsen sitzt. Ohne Zweifel, er hat Talent. Ist er auch ein Genie, das sein Talent in Kunst überführen kann? Damit quält er sich und seine Umgebung. Es ist vier Uhr nachts, stöhnt seine Freundin Claudia, als ihr er sie zu später Stunde mit seinen Theorien wach rüttelt. Doch Getskard ist auf der Suche nach Erkenntnissen, die ihn nicht schlafen lassen. Ebenso muss sein Gönner Wiepert zur Stelle sein, wenn Getskard mit seinen Ideen kein Geld einfahren kann. Sein „Krug“ wird ein Reinfall. Montelang liegt Getskard am Boden zerstört. Als die Kraft Claudia sichtbar dem Ende entgegen geht, springt Wiepert ein.
Wiepert und Claudia schwanken zwischen Überforderung, Mitleid und Bewunderung. Getskard zwischen Hybris, Leid, Selbstmitleid, Entschlossenheit und Verzagtheit. Seine Abhängigkeit von den beiden Menschen, die zu ihm halten, wird deutlich. Die Bedeutung, die er ihnen durch ihre Hilfestellung verleiht, lässt sie bleiben.
Oliver Bukowski hat in seinem Stück über das schöpferischen Leidensprozess eines Künstlers und seine Begleiter, in denen er dem Leben Kleists nachspürt, eine feinsinnige Analyse des feinen Netzwerks der Beziehungen, Erwartungen und Abhängigkeit geliefert. Und das Kunststück vollbracht dies alles in die Form einer Farce zu gießen. Markus Heinzelmann hat es ganz in seinem Sinne hintergründig in Szene gesetzt. Stefan Haschke schafft den Spagat zwischen Arroganz und Sympathie, Marco Albrecht gibt den bebrillten distinguierten Gönner mit Bravour. Lydia Stäubli ist das schöne Blondchen, das auch bei philosophischen Diskursen nicht klein beigibt. Tolle Inszenierung, die im Luxus der Nähe der Rangfoyerbühne bestens zur Geltung kam.
Birgit Schmalmack vom 11.10.10
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