Weihnachtsoratorium
Weihnachtsoratorium
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Auf der Suche
In dem gläsernen Wartehäuschen stehen Menschen in Wintermänteln und mit Koffern dicht gedrängt beisammen. Ein Mann schält sich mit einem Weihnachtsbäumchen und einem Karton aus der Menge. Er strebt der Plattform zu, die über dem Orchestergraben schwebt. Eine einzelne Kerze steckt er an das Bäumchen und zündet sie an. Er bleibt einsamer und frierender Zuschauer des Geschehens.
Die Menschen schieben mit ihren Koffern über die Bühne. Sie sind zur Volkszählung nnach Bethlehem unterwegs.
„Jauchzet, frohlocket“, bricht der Chor in die noch trübe Stimmung herein. Tänzer in schlichter roter Kleidung springen auf die schlicht weiß-schwarze Bühne. Die ganze Freude der frohen Botschaft scheint bis in alle ihre Glieder gefahren zu sein und in ihren Bewegungen seinen Ausdruck zu finden. Über die Rampe nähern sich von hinten Maria und Josef. Maria trägt schwer an dem noch ungeborenen Leben in ihrem Bauch. Josef legt behütend den Mantel über sie.
Maria wird die wichtige Rolle, die ihr in diesem schicksalhaften Geschehen zukommt, zunehmend bewusst. Ganz in sich gekehrt, faltet sie das weiße Hemd sorgsam zusammen und trägt es vorsichtig wie einen Säugling vor ihrem Körper. Später wird sie es einem Engel auf dem Felde überstreifen, dann wieder an sich nehmen und es bewahren, bis der erwachsene Christus es für seine spätere Mission überziehen wird. Ihr Mann Josef dagegen fällt nur die Rolle des umsorgenden Begleiters zu. Er bleibt bei seiner Frau trotz der unehelichen Schwangerschaft. Ihre spirituellen Erfahrungen bleiben ihm verwehrt.
Währenddessen ist der einsame Beobachter zunehmend fasziniert von der Botschaft der Weihnachtsnacht. Er streift seinem langen Mantel ab und stimmt in den springenden frohlockenden Jubel der Menge mit ein. Josef übernimmt seinen Mantel und zieht einsam suchend seiner Wege.
Die frohe Botschaft der Erlösung, die Bach in seinem Weihnachts-Oratorium vertonte, interpretiert Neumeier in seiner Choreographie weniger euphorisch. Bei ihm muss jeder seine Rolle selber finden, die Bedeutung des Geschehens selbst definieren und für sein Leben umsetzen. Neumeier findet eine berührende Tanzsprache für seine Charaktere, deren Persönlichkeiten er genau nachspürt. So bekommt die altbekannte Weihnachtsgeschichte eine Perspektive.
Birgit Schmalmack vom 4.1.10
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