Verrücktes Blut
Verrücktes Blut
Gewalt ist doch eine Lösung?
Schulstühle stehen um eine Arena. Sichtbar kleiden sich die jungen Leute zu Beginn des Stückes an, um in ihre Schüler-Rollen zu schlüpfen. Sie steigen in die Arena und beginnen ihren täglichen Kampf um Aufmerksamkeit. Dabei greifen sie auf das ganze Klischeerepertoire zurück: Sie rotzen ins Publikum, sie greifen sich in den Schritt, sie schleudern Schimpfworttiraden heraus und nehmen Imponiergehabe ein. Verlorenes Spiel für die zierliche Lehrerin (herausragend: Sesede Terziyan), die mit einem Stapel Reclamhefte hereinkommt, um hier mit einem Theaterkurs Schiller zu proben.
Die ästhetische Erziehung dieser Horde durch das Spiel scheint aussichtslos, bis ihr durch Zufall die geladene Waffe eines Schülers in die Hände fällt. Nun hat sie den Respekt, den sie zuvor vergeblich einforderte. Sie lässt die Schüler spielen: „Die Räuber“ zeigen das rebellische Aufbegehren einer Bande unter deutschen Ehrbegriffen und „Kabale und Liebe“ zeigt einen Ehrenmord auf Schiller-Deutsch.
Die Pointe ist klar: Ausgerechnet der Klassiker Schiller spiegelt mit seinen Dramenstoffen Werte, die die deutsche Bildungsschicht heute den Migrantenkulturen, speziell den islamischen, als unzivilisiert vorhält. Also so ein wunderbarer Stoff zur Erhöhung der Identifikation, denkt sich auch die Lehrerin Frau Kelich. Die Pädagogin, die stets predigte „Gewalt ist keine Lösung“, setzt nun mit vorgehaltener Waffe ihre Forderung nach Bildung um. Und siehe da, es fruchtet: Die Jugendlichen werfen die Reclamhefte weg, lesen nicht mehr stotternd ab, sondern erkennen im Spiel Parallelen. Die reinigende Wirkung ist so stark, dass sie zum Schluss sogar gegen ihren Macho-Anführer aufbegehren. Als die Lehrerin jetzt eine demokratische Abstimmung über Begnadigung oder Hinrichtung anstrebt, halten die Schüler die Fahne der zuvor von ihr beschworenen Aufklärung hoch und fordern auch für eine zweite Chance. „Gewalt ist doch keine Lösung, Frau Kelich!“
Das ist der Plot von „Verrücktes Blut“ frei nach dem Film „La Journee de la Jupe“ von Lilienfeld. Doch die Dramaturgie von Nurkan Erpulat und Jens Hillje begnügt sich damit zum Glück nicht. Sie überraschen ihr Publikum mit immer neuen Brüchen. Immer wenn der wie Domokles-Schwert über der Arena hängenden Flügel ein neues deutsches Volkslied anstimmt, wechseln die Rollenzuschreibungen. Die sanftmütige Lehrerin mutiert zum Sarrazin-Racheengel des deutschen Gutbürgertums. Das Mobbingopfer Hassan begehrt auf. Madita greift zur Waffe, entledigt sich ihres Kopftuches und lässt damit den Anführer der Schulgang fesseln. Die Schüler übererfüllen den pädagogischen Lehrauftrag und sind zum Schluss aufgeklärter und toleranter als Ihre Lehrerin. Diese wiederum entpuppt sich als gebürtige Türkin, die die Bildungsleiter bis Überanpassung an die Mehrheitsgesellschaft erklommen hat.
Regisseur Erpulat dreht so viele Klischee-Pirouetten, dass einem schwindelig wird. Die Gefahr jemandem dabei auf die Füße zu treten, ist damit elegant und intelligent umgangen. Aber auch die, eindeutige Aussagen zu vertreten. Theaterleiterin Shermin Langhoff will in ihrem Berliner Ballhaus Naunynstraße postmigranitsches Theater machen. Dieses Stück zeigt, dass wir von diesem Stadium leider noch meilenweit entfernt sind.
Birgit Schmalmack vom 29.1.11
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