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Don Carlos

Don Carlos
Das Karussell der Macht
König Philipp (Hans Cremer) herrscht in seiner gepolsterten, Schall isolierten Machtzentrale. In einer Mischung aus Analytikerraum, Gummizelle und Hochsicherheitstrakt muss er ständig ein System der Kontrolle und des Schreckens auf recht erhalten, um seine Macht nicht durch Intrigen zu verlieren. So spannt er die Vertreter des Militärs, des Klerus und des Hofes geschickt mit ein. Einsam ist Philipp, misstrauisch gegenüber jedermann. Gibt es ein Problem, reagiert er mit Erhöhung des Schreckens und des Blutzolls. Die Inquisition ist ihm im mittelalterlichen Spanien ein passender Gehilfe.
Sein Sohn Carlos (Mirco Kreibich) ist unbrauchbar in diesem System. In der schwarzen Drehkarussell der Macht zwischen all den Anzugträgern wirkt Carlos mit Jeans und Ringel-T-Shirt wie ein Spielkind, das den Ernst des Lebens noch nicht begriffen hat. Zu sehr Emotion, zu wenig Vernunft, ist der Infant in einem kindlichen Status stecken geblieben. Dass der Vater ihm seine Braut Elisabeth weggeheiratet hat, stachelt ihn nicht an, sondern lässt ihn in trotzige Depressionen verfallen.
Sein Freund Marquis de Posa (Jens Harzer) hat andere Ziele: Er will den von Philipp unterjochten Niederländern in ihrem Freiheitskampf unterstützen, und zwar mit Hilfe von Don Carlos. Als dem Marquis klar wird, dass der König seinem Sohn diese Aufgabe nie übertragen wird, entschließt er sich selbst in die Machtzentrale Philipps zu begeben. Er, der sich nie die Dienste am Hofe einbinden lassen wollte, lässt sich von Philipp als „Mensch“ und Berater engagieren. In einer Plastiktüte führt er die dafür passenden Insignien mit sich: Einen schlichten blauen Blazer und die Eindruck verschaffenden Orden. Haben sie ihre Aufgabe erfüllt, knüllt er wieder hinein und wirft die Tüte auf den Boden.
Doch was passiert, als der Marquis sich in die Mühlen der sich stetig drehenden Maschinerie der Macht begibt? Er wird selbst zum Intriganten. Die Ehrlichkeit seinem Freund gegenüber ist schon lange auf der Strecke geblieben, auch die Begegnungen mit der Königin werden immer zweideutiger. Schließlich weiß er sich keinen Rat mehr, als sich selbst zu opfern. Er gibt sich die Schuld an den amourösen Verwicklungen Carlos mit Elisabeth. Die Vergeltung folgt sofort: Er wird von Philipp ermordet.
Er wollte Carlos retten, um seine Mission zu erfüllen. Doch dazu kommt es nicht mehr: Mitten aus dem gutbürgerlichen Premierenpublikum tritt der Auftragskiller in schwarzen Anzug auf die Bühne und erledigt den schmutzigen Job: Er tötet Carlos und Elisabeth. Die Inquisition kommt mitten aus der Gesellschaft und stellt die alte Ordnung wieder her.
Die Freiheit ist für dieses Mal gescheitert. Der Widerstreit zwischen Gesellschaft und Individuum, zwischen Freiheit und Autokratie, zwischen Volk und König, zwischen Demokratie und Monarchie dekliniert Schiller mit analytischer Intelligenz durch. Jette Steckel folgt ihm mit sensiblem Feingespür. Das geniale Bühnenbild von Florian Lösche eröffnet Räume für Bilder, die die Menschen zwischen der Maschinerie der Macht zeigen. Eine verdient umjubelte Premiere des Thalia Theaters anlässlich der Lessingtage.
Birgit Schmalmack vom 29.1.11

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