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Uprising

Uprising
Raubtiere der Stadt
Mit einem Schlag geht eine blendende Reihe Scheinwerfer an. Wie aus dem Nichts tauchen die sieben Männer auf. Plötzlich stehen sie dem Publikum gegenüber. Mit dem nächsten Black sind sie verschwunden und erscheinen unter gezieltem Nebeleinsatz in immer veränderten Formationen und an unterschiedlichen Stellen der Bühne erneut. Ein maschinenhaftes Wummern gibt ihnen den Takt vor. Erst allmählich mischen sich elektronische Klänge darunter, die den Rhythmus mitbestimmen. Schnell sind ihre Bewegungen, immer dem Erdboden nahe. Den aufrechten Gang erproben sie selten, immer der Straße verbunden, bewegen sie sich fast kriechend voran. Ihr Gang erinnert an Katzen. Wie Raubtiere der Stadt sind sie. Immer auf der Hut. Niemandem trauen sie. Selbst in kurzen Umarmungen halten sie das Gegenüber stets auf Aufstand und versuchen es zu kontrollieren. Kurze Momente der Harmonie kippen von einem Augenblick zum nächsten in Schlägereien. „Uprsing“ zeigt eine männerdominierte Welt. Raue Umgangsformen bestimmen die Kommunikation.
Das zweite Stück des Abends „In your rooms“ führt diese Gedanken fort. Nun sind fünf Frauen zu dem Team dazu gestoßen. Doch die Formen der Begegnung bleiben durch die Männer dominiert. Das weibliche Element hat hier wenig Chance sich zu entwickeln. Fragmentarisch bleiben die Tanzsequenzen zunächst. Kurz werden die enervierenden Szenen angerissen, um gleich darauf wieder abgeblendet zu werden. Ein ständiges Weiter, ein immerwährende Hetze bestimmt das Tempo die Schnitte. Kurz sind die Begegnungen, zeugen eher von Miss- als von Einverständnissen. Selten wird der Kopf gehoben, nie das Gegenüber angeschaut. Gebückt gehen diese Menschen durch ihr Leben, immer die lauernde Gefahr im Kopf, stets mit Angst behaftet. Die Arme oft schützend vor den Kopf gehoben, bewegen sie sich durch ihren Alltag. Ihre Kraft, die sie in jeder ihrer Bewegungen unter Beweis stellen, zeugt von steter Gewaltbereitschaft.
An der schwarzen Rückwand scheint das Streichquartett mit den drei Percussionisten in einer Black Box zu schweben. Ihre Klänge erzeugen einen mitreißenden Sog, der sich im wechselhaften perfekten Zusammenspiel mit Tänzern entwickelt.
Eine Stimme erläutert dazu, welche Themen hier bebildert werden könnten. Von Chaos des Lebens, von der Suche nach Strukturen, vom Überleben sollen sie erzählen. Doch die Stimme scheint bald nur ein weiterer Teil des endlosen Klangteppichs zu sein, der in die Musik mit hinein gewoben wird. Ein weiterer Reizinput, der von den Menschen sortiert werden will. Wo soll es hingehen? Welche Information brauche ich dafür? Immer gilt es das Überlebensnotwendige von Unwichtige zu trennen. Harte Arbeit, die man den Menschen auf der Bühne ansieht. Sie stampfen auf den Boden, sie erheben die Fäuste. Doch wenn sie scheinbar für etwas zu kämpfen vorgeben, überzeugt von ihrer Botschaft erscheinen sie nicht. Im nächsten Augenblick fallen sie in sich zusammen und schleichen gekrümmt weiter.
In den Gruppenszenen bleibt jeder für sich. Kurze Paarungen zwischen Mann und Frau erscheinen fragil und lösen sich nach wenigen Augenblicken wieder auf.
Hofesh Shechters Stücke „Uprising“ und „In your rooms“ waren ein gut gewählter, fulminanter Auftakt für das Sommerfestival auf Kampnagel, das dieses Jahr von Matthias Hartz zusammengestellt wurde. Sie zeigen vielschichtige Bilder, die lange im Gedächtnis bleiben. Seine Choreographien holen sich ihre Inspirationen sichtbar von der Straße. Er kreiert eine innovative Tanzsprache, die Streetdance mit Elementen des Modern Dance mischt. Er schafft es, gesellschaftspolitische Themen anzusprechen und dabei gleichzeitig mitreißendes, überaus spannendes und vor Energie sprühendes Tanztheater zu machen.

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