Tracey
Tracey
Ich bin nicht schuld
Tracey hat es nicht leicht. Ihr Vater betrachtet Tracey und ihren Bruder Sunny als Unfälle. Ihre Mutter ist vor der Mattscheibe festgewachsen. Die depressive Tracey, die sich gerne in die Rolle der Frontfrau einer Band und in die Arme eines gewissen Billy Zero hineinträumt, besucht regelmäßig eine staatlich bezahlte Psychologin. Als ihr Bruder Sunny, der Spaß daran hat, sich wie ein Hund zu verhalten, nicht wieder auftaucht, geben die Eltern ihr die Schuld am Verschwinden ihres Bruders. Tracy beschließt, Sunny auf eigene Faust zu suchen und reißt von zu Hause aus…
Das Mehrsicht Theater aus Braunschweig hat nach dem Roman und dem Film „The Tracey fragments“ eine intensive und vielschichtige Umsetzung für die Bühne auf dem Kaltstart-Festival gezeigt. Sie kommt mit einer Darstellerin, Jenny König, die die Tracey spielt, aus. Die anderen Personen tauchen nur als Videobilder in einem weißen Leinwandkasten auf. So bleiben sie statisch und für Tracey nicht erreichbar. Die Sequenzen auf der weißen Rückwand bebildern dagegen in Großformat ihre Träume, Gedanken und Sehnsüchte. Dass die Ton- und Bild-Techniker im Terrace Hill sichtbar über dem Geschehen thronen, liefert der Inszenierung einen makaberen Beigeschmack. Schließlich ist der Grund, dass Tracey ihren Bruder aus den Augen verlor, die Vergewaltigung durch Billy Zero.
Birgit Schmalmack vom 17.7.09
Bagdad brennt
Bin ich ein Fake?
Ich bin eine Irakerin, die englisch kann, die das Internet beherrscht, die als Programmiererin arbeitet. Bin ich vielleicht ein Fake? Und doch da steht sie: die 24-Jährige Irakerin, die als "Riverbend" einen Internetblog zu Zeiten des Irak-Krieges betrieben hat. Anna Rot bringt ihre Geschichte in die Katakomben des Waagenbaus. Unter donnerndem Zugrollen berichtet sie von dem Irak, in das die Koalition der Willigen einmarschiert ist, um ihm die Segnungen der Freiheit und Demokratie zu bringen. Doch die junge Frau erlebt die Befreiung als kriegerische Besetzung. Sie hat ihre Arbeit verloren. Sie kann als Frau nicht mehr alleine auf die Straße gehen. Ihre Familie ist ständig durch Razzien, Kontrollen, Entführungen und Erpressungen bedroht.
Unter der Regie von Sabine Glas wurde der Text am Deutschen Theater in Göttingen aufgeführt. Anna Rot hockt sich auf die Bühnenwürfel, krabbelt unter die Decke, hackt auf ihren Laptop ein und versucht mit ihrer Geschichte Vorurteile zu entkräften. Die düstere Location unterstützt das Einfühlen in ihre Situation auf subtile Art.
Birgit Schmalmack vom 10.5.09
Polenta
Ihr Vater ist ein Clown. Ihre Schwester ist nur die Tochter ihres Vaters, aber nicht ihrer Mutter. Gleichzeitig ist sie die Geliebte ihres Vaters. Ihre Mutter ist die Frau, die an ihren Haaren jeden Abend unter der Zirkuskuppel hängt. Jeden Abend hat die Tochter Angst, dass ihre Mutter abstürzt. Nur nicht die Mutter ärgern, das könnte ihre Haare schwächen!
Nach ihrer Flucht aus Rumänien ist das Leben der Familie im Ausland zum Normalzustand geworden. Heimat ist nur der kleine Zirkuswagen, in dem sie auf engstem Raume lebt, und die rumänischen Gerichte, die die Mutter hier kocht. So beschreibt das Mädchen in Aglaja Veteranyis Roman „Warum das Kind in der Polenta kocht“ ihr Leben als Kind einer Zirkusfamilie.
Mitten im Central Park unter dem weißen Zeltdach mit den bunten Zirkuslichtern kommt die Inszenierung vom Theater Wiesbaden bei lauem Sommerwetter bestens zur Geltung. Die Darstellerin Katalyn Bohn ist wendige Akrobatin, verspieltes Kind und reife Frau zugleich. Sie spaziert auf dem Schlappseil und klettert auf den beiden Schminktischen herum, während sie von dem Kind erzählt, das sich immer mehr in seine Fantasiewelt flüchtet. Der Musiker Bernhard Vanecek begleitet sie auf seiner Posaune, Melodika und Trommel. Eine wunderschöne, berührende Umsetzung, die die poetische Sprache der Vorlage gekonnt in Bilder und Bewegungen umsetzte.
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