Tosca reading
Ein tödliches Ende
Die Männer und Frauen stehen regungslos vor Körperumrissen, die mit Kreide auf den Boden gezeichnet sind. Dann stürzen sie zu Boden, passgenau in ihren Umriss. Dieser Anfang verheißt nichts Gutes. „Tosca“ wird ein tödliches Ende nehmen.
Toula Limnaios betrachtet die Oper von Puccini aus tänzerischem Blickwinkel. Ralf R. Ollertz liefert dazu seine musikalische Perspektive, indem er einen Livemitschnitt der Bregenzer Festspiele in seine Einzelteile zerlegt, ebenso wie Limnaios die Beziehungsstrukturen analysiert. Vier Frauen stellen die Tosca in ihren verschiedenen Facetten dar. Die drei männlichen Tänzer schlüpfen in die Rolle des Geliebten Cavaradossi und des Bedrängers Scarpia.
Limnaios spielt in dieser Konstellation gekonnt mit den Geschlechterrollen. Die Frauen tragen mit Vorliebe Schwindel erregend hohe Highheels, die ihre verführerischen Körperformen in den leichten Sommerkleidchen bestens zur Geltung bringen und ihnen (vermeintlich) wenig sichere Standfläche bieten. Denn die Männer bestimmen hier das Geschehen. Sie zwängen die Frauen in die von ihnen gewünschten Formen. Immer wieder greift sich einer von ihnen eine der Frauen heraus, schubst sie umher, wirft sie durch die Luft, wirbelt sie um seinen Körper herum. Einmal greifen sich zwei Männer einen langen Stock und lassen ihn um sich als Mittelpunkt zischend durch die Luft kreisen. Die Frauen hält das allerdings nicht vom Tanzen ab. Tapfer und wachsam erstreiten sie sich ihren Aktionsraum nun in Bodennähe. Wagen sie den Arm, das Bein oder den Kopf in höhere Regionen zu recken, droht der Schlag. Virtuos ertanzen sich die Frauen dennoch ihre Eigenständigkeit in den verbleibenden Freiräumen.
So zeigt sich immer wieder die kämpferische Seite der Frauen. Dann begehren sie auf, zwingen einen Mann überraschend auf den Boden und stampfen mit ihren Füßen haarscharf an seinem Körper vorbei. Lange währt diese Freiheit jedoch nie. Die Männer verfügen sichtbar über die stärkeren Mittel. Sie drücken ihnen ihren Stempel auf. So nimmt einer der Tänzer einen Lautsprecher mit der Stimme der Tosca in die Hand und presst ihn solange auf eine der tanzenden Frauen, bis sie bewegungslos am Boden bleibt. Er nimmt ihr ihre Stimme und ihren Tanz.
Blutrot ist der Mantel, dessen Schleppe bühnengroß ist. Immer wieder streifen sich einzelne Tänzer den Mantel über und nehmen vorausahnend mit aufgerissenen Mündern das tödliche Ende vorweg. Zum Schluss zieht eine Frau in der Mitte der Bühne den feuerroten Mantel über. Unter ihr nur ein Meer aus blutrotem Stoff. Vier weitere Tänzer schlagen mit dem Tuch Wellen. Mal taucht unter den Wellen das Standbild von Tosca mit Cavaradossi, mal von Tosca mit Scarpia auf. Dann steht Tosca alleine, auf die Schulter eines anderen geklettert nun doppelt so groß. Zum letzten Ton der Musik kippt sie nach hinten weg und versinkt in dem Blutmeer, das keinen Platz für sie und ihre Leidenschaft bot.
Limnaios erfindet mit ihrem exzellenten Ensemble Bilder von aufwühlender Emotion und Schönheit. Sie analysiert klug die Beziehungsstrukturen und setzt sie in Bewegungsbilder um, die mehr sagen als viele sprachliche Diskurse über das Geschlechterverhältnis. Sie hat die Oper Tosca in eindrückliche aussagekräftige Sequenzen zerlegt, die jenseits der Opernhandlung von zeitloser Bedeutung sind.
Birgit Schmalmack vom 8.8.09
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